„Mr. Parnassus‘ Heim für magisch Begabte“ von TJ Klune

Auch dieses Buch gehört definitiv zu jenen, die im englischsprachigen Booktube und Bookstagram einen wirklich beachtlichen Hype erfahren haben. Daher war ich selbstverständlich neugierig und habe es als Urlaubslektüre mit an den Strand genommen. Was ich beim Lesen so erlebt habe, erfahrt ihr hier:

INHALT

Linus Baker, ein übergewichtiger, vierzigjähriger Beamter, der bei der Behörde zur Betreuung Magischer Minderjähriger arbeitet, erhält eines ziemlich grauen und regnerischen Tages einen Spezialauftrag vom Allerhöchsten Management seiner Behörde.

Er soll das Waisenhaus eines gewissen Arthur Parnassus überprüfen, in dem fünf magisch begabte Waisenkinder leben. Linus kann es kaum fassen, dass ausgerecht ER einen solchen streng geheimen Spezialauftrag erhält – doch es bleibt ihm nichts anderes übrig und daher macht er sich auf den Weg zu diesem besonderen Waisenhaus, das sehr abgelegen auf einer kleinen Insel mitten im himmelblauen Ozean liegt.

Nach Linus‘ Ankunft in Mr. Parnassus‘ Waisenhaus merkt er allerdings sehr schnell, dass die kommenden vier Wochen, die sein Aufenthalt dort dauern wird, ganz anders verlaufen werden, als er je gedacht hätte. Denn mit all den Regeln und Verordnungen, nach denen Linus brav sein ganzes Leben ausgerichtet hat, kommt er hier nicht voran: Denn: Die magischen Kinder im Waisenhaus und der Leiter des Waisenhauses, Mr. Parnassus werden Linus‘ Leben ab sofort in ein farbenfrohes Abenteuer verwandeln, und bald soll Linus erkennen, dass sein Leben komplett auf dem Kopf steht.

MEINE MEINUNG UND EINDRÜCKE

Stellt euch vor, ihr nehmt eure schönsten Erinnerungen an das Meer, ganz viel Sonnenschein und alle strahlenden Farben des Regenbogens, fügt noch ganz viel warmherzigen Humor und einen tollen Erzählstil hinzu – dann kommt irgendwo dieses Buch dabei raus.

Man schließt Linus Baker, aber auch die Kinder und den Leiter des Waisenhauses, Mr. Parnassus SOFORT ins Herz! Dabei gelingt es dem Autor, TJ Klune, es auf unvergleichliche Weise, lauter sehr einzigartige, zutiefst liebenswerte und wirklich glaubwürdige Charaktere zu erschaffen, die man einfach lieben muss. Und auch die Magie verleiht dieser Geschichte das gewisse Etwas. Und: diese sommerlich-leichte Atmosphäre ist einfach wunderschön und man kann gar nicht anders, als beim Lesen immer wieder zu lächeln und sich superwohl zu fühlen. Man spürt förmlich die Sommersonne auf der Haut, während man auf der Insel die bunten und magischen Gärten erkundet und man spürt förmlich den Sand zwischen den Zehen, während man in Gedanken auf den himmelblauen Ozean hinausblickt und sich den sanften Sommerwind um die Nase wehen lässt.

Und zusätzlich zu diesen unfassbar schönen und gelungenen Beschreibung einer Welt voller Wärme und Farben kommen dann noch diese unglaublich liebenswerten Charaktere und eine niedliche Geschichte, die aber trotz aller Leichtigkeit auch wahnsinnig viel Tiefgang und auch viel Philosophisches mit sich bringt. Denn das Buch stellt viele Fragen, zum Beispiel danach, was uns zu den Personen werden lässt, die wir sind. Und wie wir unser Leben selbst in die Hand nehmen können und es selbst gestalten können. Aber auch gesellschaftlich sehr relevante Themen spielen in diesem Buch eine Rolle, wie zum Beispiel Diskriminierung, gesellschaftlicher Ausschluss von Minderheiten, Ungerechtigkeit und das Streben nach mehr Offenheit füreinander und Begegnung miteinander.

Ihr merkt also, in diesem Buch ist wahnsinnig viel drin und ich finde, die Pressestimmen zu diesem Buch haben absolut recht. Ich zitiere Terry Brooks mit der Aussage: „Mr. Parnassus‘ Heim für magisch Begabte erweckt im Leser den Glauben an das Gute im Menschen.“ Und das kann ich 1:1 so unterschreiben. Wenn ihr ein Buch sucht, dass ihr auch in Zeiten, in denen ihr vielleicht Aufmunterung oder das Gefühl von Geborgenheit und eine Prise Sommersonnenschein braucht – dann könnte ich euch kein Buch mehr ans Herz legen, als dieses.

„The seven husbands of Evelyn Hugo“ von Taylor Jenkins Reid

Ja, ich weiß, ich bin mal wieder ein bisschen „late to the party“ wenn es um extrem gehypte Bücher geht. Allerdings hat es mich doch dann gereizt herauszufinden, was es mit dieser riesigen Begeisterung für diesen Roman von Taylor Jenkins Reid so auf sich hat. Da es dieses Buch bisher leider (noch?) nicht auf deutsch gibt, habe ich es mir in englischer Sprache zugelegt und ich kann schonmal gleich zu Beginn so viel sagen: Das Englisch fand ich echt angenehm, sodass sich die Geschichte nahezu genauso easy und flüssig lesen ließ wie ein Roman in deutscher Sprache. Daher kann ich alldenjenigen, die wegen der Sprache noch zögern, absolut Mut machen. 🙂 Aber jetzt doch erstmal zum Inhalt des Buches:

INHALT

Die noch eher unbekannte, aber aufstrebende Journalistin Monique Grant erhält völlig unerwartet ein scheinbar unfassbares Angebot: Sie soll die Lebensgeschichte der zurückgezogen lebenden, legendären Hollywood-Schauspielerin Evelyn Hugo schreiben. Dabei möchte Evelyn zum ersten und einzigen Mal in ihrem langen und glamourösen Leben absolut alles erzählen – ihre Erlebnisse hinter den Kulissen Hollywoods und im Haifischbecken der Tabloid-Presse, ihre Geheimnisse, ihre Skandale, alles. Monique ist absolut erstaunt, als Evelyn ihr eröffnet, dass sie einzig und allein Monique ihre Lebensgeschichte erzählen will – doch Monique nimmt das Angebot an. Ab sofort treffen sich beide Frauen regelmäßig in Evelyns Anwesen und die Hollywood-Diva berichtet Monique über ihr Leben und ihre Ehen mit ihren sage und schreibe sieben Ehemännern.

Dabei berichtet Evelyn, wie sie aus dem Elendsviertel Hell’s Kitchen in New York heraus zum gefeierten Hollywoodstar der 50er, 60er, 70er und 80er Jahre wurde – und erzählt eine Geschichte, die zwar wirken mag wie ein Märchen, jedoch ist es auch eine Lebensbeichte voller rücksichtlosem Ehrgeiz, Gewalt, unerwarteter Freundschaft und die Geschichte einer Liebe, von der niemand erfahren darf.

Und dann findet Monique plötzlich heraus, dass ihr eigenes Schicksal mit dem von Evelyn Hugo in ungeahnter und unumkehrbarer Weise verwoben ist…

ERZÄHLSTIL UND BEHANDELTE THEMEN DES BUCHES

Besonders spannend fand ich in diesem Roman die unterschiedlichen Erzählperspektiven. So gibt es in den Kapiteln, in denen beschrieben wird, was Monique erlebt und fühlt, einen allwissenden, also einen auktorialen Erzähler. Die große Mehrzahl der Kapitel ist allerdings aus der Ich-Perspektive geschrieben. Dies ist immer dann der Fall, wenn Evelyn Hugo aus ihrem Leben erzählt. In diesem Fall sind die Leser gewissermaßen wie Monique, die den Worten Evelyns aus erster Hand lauschen dürfen.

Und dann tauchen auch immer wieder zwischendurch fiktive Zeitungsartikel der Regenbogenpresse auf, die das eben von Evelyn Erzählte in ihren Klatschspalten kommentieren. Hier wird deutlich, wie die Medien bestimmte Dinge in Evelyns Leben immer wieder uminterpretiert haben und Druck ausgeübt haben. Eine unglaublich spannende zusätzliche Perspektive, die viel Abwechslung und zusätzliche Tiefe verliehen hat!

Und auch, wenn man auf den ersten Blick denken mag, dass „The seven husbands of Evelyn Hugo“ ein leichtes, sommerliches Feelgood-Buch für zwischendurch ist, wird man doch eines Besseren belehrt. So sind die im Buch angesprochenen Themen durchaus anspruchsvoll und gesellschaftlich absolut relevant. In diesem Roman werden dabei unter anderem folgende Themen angesprochen:

  • Körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen (Triggerwarnung)
  • Homophobie (Triggerwarnung)
  • Die Filmindustrie in Hollywood von den 50er Jahren bis heute
  • Selbstbestimmung (in allen denkbaren Daseinsformen)

Insbesondere der letztgenannte Aspekt der Selbstbestimmung ist wahrscheinlich der wichtigste für die Figur der Evelyn Hugo. Wir lernen Evelyn hier als eine Protagonistin mit vielen Schwächen und Unzulänglichkeiten kennen – aber genau im selben Maße ist sie eine kraftvolle, feministische Heldin, die für sich und ihre Selbstbestimmung in jeder nur denkbaren Form einsteht. In diesem Zusammenhang hat mich vor allem das Ende komplett aus den Socken gehauen (an dieser Stelle verrate ich aber keines Falls mehr, um euch nicht zu spoilern).

Ein weiterer Pluspunkt dieses Romans: Die enthaltene Liebesgeschichte (wir erinnern uns: Eine Liebe, von der niemand etwas erfahren darf…) war zum Glück überhaupt nicht kitschig. Zu meiner eigenen Überraschung und Freude habe sie gerne gelesen, da sie sehr reflektiert und glaubwürdig bei mir ankam (und das kommt echt nicht oft vor bei mir, wenn ich Liebesgeschichten lese). Daher: Hut ab, Taylor Jenkins Reid! 🙂

Insgesamt würde ich sagen: „The seven husbands of Evelyn Hugo“ ist definitv ein Buch, das viel mehr Anspruch hat, als man von außen denken würde und das zeitgleich extrem gut unterhält. Es verbindet den glamourösen Hollywood-Flair der 50er Jahre mit sehr ernsten gesellschaftlichen Themen und diese Mischung finde ich echt einzigartig und gelungen. Meiner Meinung nach hat dieses Buch den Hype absolut verdient.

„Rachegeist“ von Cai Jun

Auf den folgenden Thriller bin ich auf Instagram gestoßen. Dort hatte der PIPER-Verlag einen Beitrag zu diesem Buch gepostet. Und da ich zum einen noch nichts von einem chinesischen Autor gelesen hatte und zum anderen das Cover ein absoluter Hingucker war (ja, ich weiß, don’t judge a book by its cover – aber das passiert den Besten, oder? ;-P), habe ich es mir in der lokalen Buchhandlung meines Vertrauens gekauft.

INHALT

In diesem Thriller befinden wir uns im Jahr 1995 in China. Der junge, aufstrebende Lehrer Shen Ming wird auf einem Fabrikgelände ermordet. Sein plötzlicher gewaltsamer Tod schlägt ein wie eine Bombe, denn erst einige Tage zuvor hatte man ihm vorgeworfen, eine Affäre mit einer seiner Schülerinnen gehabt zu haben und diese auf dem Dach des Gymnasiums umgebracht haben.

Die Mörder von Sheng Ming werden nie zur Rechenschaft gezogen – bis 10 Jahre nach Sheng Mings Tod dieser doch noch Vergeltung erfährt. Denn: Shen Mings Mörder schlittern zunächst allesamt langsam ins Unglück und schließlich muss doch noch einer nach dem anderen mit seinem Leben für den begangenen Mord an Shen Ming bezahlen.

Und schnell stellt sich die Frage, wem Shen Ming diese späte Rache an seinen Mördern zu verdanken hat. Ist seine Seele zu einem Rachegeist geworden, der keine Ruhe findet? Und was ist damals wirklich mit der Schülerin passiert, mit der Shen Ming eine Affäre gehabt haben soll? Wer war Shen Ming wirklich? Und was hat ein kleiner, außergewöhnlich kluger Junge mit all dem zu tun, der plötzlich mit der ganzen Geschichte verwoben zu sein scheint?

MEINE EINDRÜCKE BEIM LESEN

Besonders interessant an diesem Thriller fand ich, dass er vor der Kulisse des modernen Chinas spielt. Hier hatte ich gehofft, mehr darüber zu erfahren, wie die Gesellschaft dort funktioniert und wie sich ein Thriller anfühlt, der dort spielt. Dies kam in dem Buch auch sehr stimmungsvoll zur Geltung (nebst -zugegeben vorsichtig geäußerter- Kritik am politischen System, das fand ich besonders faszinierend). Das Setting im modernen China fand ich extrem cool und in meiner Leseerfahrung bisher auch absolut einzigartig. Besonders spannend waurde das ganze auch dadurch, dass der Thriller mit übernatürlichen Elementen spielt, die aber perfekt in dieses China zwischen Tradition und Moderne passen. Diese Mischung wird v.a. gegen Ende dann so richtig düster und mysteriös.

Das Mysterium, das Cai Jun in dieser Geschichte aufspannt, ist dabei komplex, verworren, böse, düster und mit einer traditionellen Übernatürlichkeit, die wiegesagt in den Alltag des modernen Chinas eingebettet ist. Die Geschichte ist dabei sehr klug aufgebaut, sodass man als Leser aus mehr oder weniger unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Charaktere dann Stück für Stück die Geschichte aufdeckt und so immer mehr Facetten entdeckt.

Besonders toll und stimmungsvoll: Cai Jun streut immer wieder chinesische Gedichte in die Geschichte, sodass man beim Lesen auch noch etwas chinesische Poesie dazubekommt, die auch die Atmosphäre und das dramaturgische Moment super unterstützen. So hat auch ein Gedicht am Ende für mich das Ende nochmals viel emotionaler gemacht. Das hat mir sehr gut gefallen!

WAS ICH SCHWIERIG FAND

Die Namen der Charaktere klangen für meine „ignoranten“ europäischen Ohren leider alle recht ähnlich, sodass ich mich schwer damit getan habe (zumindest anfangs) die Figuren auseinanderzuhalten. Zum Glück hat der Piper-Verlag in weiser Voraussicht ein Personenverzeichnis mitgeliefert, sodass man hier immer wieder nachschauen kann, sobald man unsicher ist.

Zudem war das Buch stellenweise etwas langatmig (da hätte ich mir wesentlich mehr Tempo gewünscht) und sprachlich fand ich das Buch zumindest teilweise manchmal etwas schmucklos und etwas einfallslos, weil der Autor gerne bestimmte Wendungen immer wieder verwendet (Mein Lieblingsbeispiel: Seine / Ihre Hand war so kalt wie die eines/r Toten). Solche Wendungen mag Cai Jun scheinbar sehr gerne und wiederholt sie während des Buches genauso immer wieder (ohne, dass hier eine Absicht dahinter zu erkennen wäre, im Sinne eines sich durchziehenden Motivs oder dergleichen).

Und gegen Ende gab es dann auch noch einen (zusätzlichen) Handlungsstrang, den ich irgendwie sehr plötzlich noch in die Geshcichte gestreut fand und der mich irgendwie zusätzlich mehr verwirrt hat, als dass er für mich zur Spannung beigetragen hat

MEINE MEINUNG INSGESAMT

Alles in allem: „Rachegeist“ ist ein Thriller, der vor allem durch sein Setting in China und die interessante Mischung aus fernöstlicher, traditioneller Mystik und Moderne in China besticht und diese Atmosphäre super transportiert. Im Großen und Ganzen eine echt spannende, geheimnisvolle und verworrene Geschichte, die allerdings mit einigen Längen daherkommt.

~Werbung wegen Markennennung~

„Niemalswelt“ von Marisha Pessl

Hallo ihr Lieben!

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber bei mir gibt es einige Prämissen in Büchern, die ich ganz besonders liebe. Meine absolute Lieblingsprämisse bei Büchern ist wahrscheinlich der sich immer wieder wiederholende Tag à la „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Daher war es irgendwie klar, dass ich unbedingt auch „Niemalswelt“ von Marisha Pessl lesen musste.

INHALT

In diesem Buch lernen wir Bee kennen. Sie hat seit 5 Jahren, nach ihrem Abschluss an der Highschool und nach dem mysteriösen, ungeklärten Tod ihres Freundes Jim nicht mehr mit ihrer ehemaligen Clique gesprochen, mit der sie früher unzertrennlich war.

Doch zu Beginn des Buches kommt die Gruppe wieder zusammen und so trifft sich Bee mit ihren vier Freunden Martha, Whitley, Kip und Cannon in einem luxuriösen Wochenendhaus an der Küste, um gemeinsam ein Konzert zu besuchen und danach zusammen abzuhängen.

Als sie nachts wieder zum Haus an der Küste zurückfahren, haben die fünf fast einen schweren Autounfall. Sie sind sehr erschrocken und gelangen schließlich durch die regnerische Nacht hindurch wieder nach Hause.

Doch dann klopft plötzlich ein mysteriöser, alter Mann an die Tür und erklärt den Fünfen, dass der Unfall DOCH passiert ist. Und es wird dabei sogar noch unglaublicher: Der alte Mann eröffnet unseren Protagonisten, dass in diesem Autounfall 4 von ihnen ums Leben gekommen seien und dass nur einer von ihnen diesen Unfall überlebt hat. Nun sind die 5 in der Niemalswelt gefangen, einer Zeitschleife zwischen Leben und Tod, in der sie gezwungen sind, dieselben 11 Stunden immer und immer wieder zu durchleben – solange, bis sie sich einstimmig geeinigt haben, wer von ihnen überlebt und wer stirbt.

Dabei erkennen Bee, Martha, Whitley, Kip und Cannon mit der Zeit, dass sie nur dann eine Entscheidung treffen können, wenn sie herausfinden können, was vor 5 Jahren wirklich mit ihrem mysteriös verstorbenen Freund Jim passiert ist, der damals in einen Steinbruch stürzte. Und langsam kommt heraus, dass alle fünf ihre Geheimnisse haben.

AUSGESTALTUNG UND SCHREIBSTIL

Wie bereits erwähnt, war ich megagespannt auf dieses Buch und hatte auch dementsprechend große Erwartungen. Und ich muss sagen: Am Ende war es schon gut – aber es hat mich leider doch nicht so umgehauen, wie ich erhofft hatte.

Grundsätzlich finde ich, dass Marisha Pessl das Grundthema des sich immer wieder wiederholenden Tages konsequent zuende gedacht hat. Damit meine ich, was die fünf Protagonisten alles tun, als sie bemerken, dass sie den gleichen Tag immer wieder erleben. Dabei reagieren sie in psychologisch interessanter Weise, wie ich fand (je nach Charakter gehen die fünf Protagonisten nämlich ganz unterschiedlich mit der Situation um). Da gibt es Verzweiflung, Verleugnung, Resignation, Verdrängung, Wut, aber auch den puren Spaß, sofern man diesen einer solchen Situation abgewinnen kann. Nichtsdestotrotz bleibt es aber ein düsteres Buch, mit einer beklemmenden, surrealen und teilweise auch deprimierenden Atmosphäre, was sehr gut zu dem Buch gepasst hat.

Die fünf Hauptcharaktere kamen mir zumindest teilweise ziemlich stereotyp vor, was aber bei der Unterscheidung der Charaktere sehr hilfreich war (schließlich hat sich Marisha Pessl mit Namen wie Bee, Martha, Whitley, Kip und Cannon recht  außergewöhnliche Namen ausgedacht, die ich mir bis zum Schluss nicht richtig merken konnte).

Den Schreibstil von Marisha Pessl würde ich als irgendwie ungewöhnlich bezeichnen. Manchmal wirkte er etwas abgehackt auf mich, allerdings fand ich sehr interessant, wie oft die Autorin Bezüge zur Popkultur hergestellt und dies in die Geschichte hat einfließen lassen. Ich würde allerdings empfehlen, erstmal einen Blick auf eine Leseprobe zu werfen, um zu sehen, ob euch der Schreibstil zusagt.

Warum ich am Ende nicht so euphorisch wegen des Buches war, wie ich zunächst gehofft hatte

Ich war ja unfassbar gespannt, wie Marisha Pessl diese sich immer wiederholende Geschichte entwickeln wird und was es mit dem mysteriösen Tod von Bees Freund Jim in dem Steinbruch auf sich hat. Hier hatte ich auf ein düsteres und großes, verworrenes Geheimnis gehofft. Und ja, verworren war es ganz bestimmt. Allerdings hätte ich mir am Ende einfach noch viel mehr Spannung gewünscht. Irgendwie ist für mich das Potenzial, das diese Geschichte gehabt hätte, in einer etwas unspektakulären Auflösung verpufft. Und auch das Ende der Geschichte war irgendwie eher vorhersehbar, wie ich persönlich fand. Zudem merke ich jetzt schon, dass dieses Buch mir jetzt nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Ich denke, dass ich in wenigen Monaten vermutlich schon vergessen haben dürfte, um was es in diesem Buch noch genau ging. Das ist echt schade.

Insgesamt hat mir das Buch recht gut gefallen, allerdings kommt es bei mir über eine Bewertung von 3,5 Sternen nicht hinaus, was ich ein bisschen schade finde. Wenn ihr aber grundsätzlich Fans von der „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Prämisse in Büchern seid, dann kann es auf jeden Fall nicht schaden, sich „Niemalswelt“ von Marisha Pessl einmal anzuschauen.

„Ich bin Circe“ von Madeline Miller

Hallo ihr Lieben! Nach einer gefühlten Ewigkeit melde ich mich hier auf dem Blog endlich wieder zurück. Meine Bachelorarbeit ist vor kurzem fertig geworden (yaaay!!!) und nach einem kurzen Verschnaupäuschen bin ich mit meinen Buchrezensionen zurück – ich freu mich gigantisch!

Bei dem Roman „Ich bin Circe“ von Madeline Miller handelt es sich um eine Nacherzählung von Homers „Odyssee“ und „Ilias“, allerdings enthält der Roman auch Aspekte aus Ovids „Metamorphosen“ und Elemente aus den Werken des Euripides.

INHALT

Circe ist ein besonderes Wesen – sie ist die Tochter des Sonnengottes Helios und der Nymphe Perse, wo sie mit ihren unzähligen göttlichen Geschwistern in göttlichen Palästen aufwächst. Doch Circe ist ganz anders, als die anderen Götter ihrer doch sehr bunten, mächtigen Familie. So klingt Circes Stimme wie die Stimmen der Sterblichen und ihre Augen sind so goldgelb wie die eines Greifvogels. Außerdem ist sie (im Gegensatz zu ihrer göttlichen Familie) dazu fähig, tiefes Mitgefühl für das Leid der Sterblichen (sprich: der Menschen, Tiere und Pflanzen) zu empfinden und hat ein wildes, unzähmbares Temperament. Dies macht sie in ihrer Familie zur Außenseiterin. Als sie aber eines Tages einen schwerwiegenden Fehler begeht, den sie sofort bereut, wird sie zur Strafe von ihrem übermächtigen Vater Helios auf die kleine Insel Aiaia verbannt – diese liegt im griechischen Mittelmeer. Hier soll Circe bis in alle Zeit bleiben – und muss sich nun ein eigenes Leben aufbauen.

In ihrem neuen Leben macht Circe eine unglaublich spannende Entwicklung durch, sie lernt Tiere zu zähmen und entdeckt die Magie der Pflanzen für sich und wird zu einer mächtigen Hexe. Doch wie man sich vorstellen kann, ist damit Circes Geschichte noch lange nicht zu Ende – Genau genommen, war dies erst der Anfang.

AUFBAU UND ERZÄHLSTIL

Ein bildgewaltiges, farbenprächtiges, poetisches Buch, das dich auf eine abenteuerliche und tiefgründige Reise mit ins antike, mythologische Griechenland mitnimmt. Dabei wird das Buch aus der Perspektive einer Figur erzählt, die in den klassischen Erzählungen eher ein Schattendasein fristet und eher im Hintergrund bleibt. Die Autorin des Buches, Madeline Miller, ist studierte Altphilologin und hat in einem Interview gesagt, dass es ihr ein Bedürfnis war, der Figur der Circe eine eigene, starke Stimme zu geben. Und das ist ihr wirklich gelungen: Circe ist eine ungestüme, zutiefst menschliche Figur, die sich verliebt, sich von ihren Emotionen (positiven wie negativen) leiten lässt, Fehler macht und vor allem ihre ganz persönliche Stärke in sich entdeckt und sich zu einem starken weiblichen Charakter entwickelt, die für sich einsteht und ihr eigenes Ding macht.

Den Schreibstil von Madeline Miller kann ich nur als sprach- und bildgewaltig, teilweise poetisch und strotzend vor Farben bezeichnen. Ihr Erzählen ist geprägt von großen Emotionen, epischen Szenarien und psychologisch interessanten Entwicklungen der Figuren. Dabei schafft Madeline Miller es zur Perfektion, das eigentlich Unbeschreibliche beschreibbar zu machen. Zum Beispiel wird man direkt in den Wasserpalast des Meerestitans Okeanos hineinkatapultiert und man spürt förmlich den warmen Sommerwind Griechenlands, der vom strahlenden Mittelmeer her über Circes blühende Insel Aiaia weht.

MEINE MEINUNG

Für mich war der Roman eine unfassbar spannende Art, sich mit Sagen der griechischen Mythologie auseinanderzusetzen und eine tolle Gelegenheit, diese nochmal ganz neu kennenzulernen.

Ich würde auch sagen, dass dieses Buch auch definitiv etwas für Neulinge im Bereich Mythologie ist. Ich selbst zum Beispiel hatte aus meiner eigenen Schulzeit doch so manchen wieder vergessen und ich bin trotzdem wirklich super mitgekommen und habe vieles über die Mythologie gelernt. Insgesamt hat mich das Buch großartig unterhalten, ich bin in die Geschichte eingetaucht und habe die wunderschöne Sprache von Madeline Miller auf jeder Seite genossen und gefeiert. Ein feministisches, leidenschaftliches, farbenprächtiges, episches Buch!

„Die Morde von Kensington“ von Heather Redmond: Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Cover: „Die Morde von Kensington“

Was mich unfassbar an diesem Buch angezogen hat, war auf jeden Fall schonmal die Tatsache, dass Charles Dickens himself der Protagonist der Geschichte ist. Eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert zu machen und Charles Dickens bei seinen Ermittlungen in einem rätselhaften Giftanschlagsfall begleiten zu dürfen – was für eine coole Prämisse ist das, bitte? Daher habe ich mich sehr auf das Buch gefreut.

Der junge Charles Dickens sitzt bei einer angenehmen Abendgesellschaft bei seinem Verleger, als plötzlich eine Frau bewusstlos aufgefunden wird. Besonders spannend fand ich auch, dass bereits ein Jahr zuvor ein mysteriöser Todesfall in die Geschichte eingebracht wird: Rätselhafte, sich scheinbar wiederholende und irgendwie zusammenhängende Mordfälle faszinieren mich immer ganz besonders. Charles Dickens‘ Neugier als Journalist ist natürlich geweckt und er kann nicht anders, als selbst in dem Fall zu ermitteln. Dabei hat er die charmante Kate an seiner Seite.

Ich muss sagen, dass das gesamte Umfeld der Geschichte (englische Oberschicht des 19. Jahrhunderts) unheimlich viel Flair hatte und mir extrem gut gefallen hat. Ich fand es allerdings etwas schade, dass das Buch doch zu Beginn eher etwas langsam erzählt war und ich mir hier zumindest ein klein Bisschen mehr Tempo gewünscht hätte. Schließlich bin ich aber voll und ganz in die Geschichte abgetaucht. Was mich sehr überrascht hat und worüber ich mir zunächst nicht klar war, sind die gesellschaftlichen Regeln und Konventionen der viktorianischen Zeit, die die Autorin wunderbar eingefangen hat. So merkt man beispielsweise, wie schwierig es für Charles teilweise ist, bestimmte Menschen zu befragen, da er gesellschaftlich nicht unbedingt zur Oberschicht gehört. Solche speziellen Aspekte liebe ich in Geschichten, da man sich so einfach die Lebensumstände viel besser vorstellen kann.

Insgesamt ist mein Interesse an dem mysteriösen Fall mit der Zeit immer stärker geworden und ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Zudem gelingt der Autorin auch eine tolle Balance zwischen Spannung und einem gemütlichen Lesefeeling – genauso muss Cosy Crime sein!

~Das Buch wurde mir kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt~

„Die Wahrheit im Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker

Im Folgenden möchte ich euch einen Roman vorstellen, der zu einem absoluten Lieblingsbuch und Lebenslesehighlight für mich geworden ist. Eine kleine Vorwarnung: Ich habe so dermaßen viel zu diesem Buch zu sagen, dass es den Rahmen eines Blogbeitrags bei Weitem sprengen würde. Daher habe ich zusätzlich noch eine ausführliche Folge auf meinem Podcast „Seitengeraschel“ zum Thema aufgenommen, in der ich ganz ausführlich auf alles eingehe. Den Link zur Folge findet ihr am Ende des Blogbeitrags. 🙂

INHALT

Das kleine, beschauliche Ostküstenstädtchen Aurora in New Hampshire wird durch einen Skandal erschüttert: Direkt neben dem Haus des gefeierten und berühmten Schriftstellers Harry Quebert werden die sterblichen Überreste eines Mädchens gefunden. Dieses Mädchen, das Nola hieß, verschwand 33 Jahre zuvor im Jahr 1975. Da direkt bei Nolas Leiche das Manuskript des bekanntesten Romans von Harry Quebert gefunden wird, steht dieser sofort unter dringendem Mordverdacht. Als Marcus Goldman, ein ehemaliger Schüler Queberts und mittlerweile selbst erfolgreicher Schriftsteller von der Sache erfährt, macht er sich sofort auf den Weg nach Aurora. Denn: Marcus ist fest von der Unschuld seines Mentors Harry Quebert überzeugt. Er beginnt sogleich, in der Sache nachzuforschen und zu beweisen, dass sein Freund kein Mörder ist. Mit der Zeit stößt Marcus auf immer mehr Hinweise und Spuren und fördert dabei Unfassbares zutage…

ATMOSPHÄRE UND AUFBAU DES BUCHES

Was mich an diesem Buch wirklich aus den Socken gehauen hat, war die unglaublich tolle Atmosphäre, die Joël Dicker in diesem Roman erschafft. Obwohl in Aurora ja ein Mädchen verschwunden und ermordet wurde, vermittelt der Roman eine unfassbar inspirierende und sonnige Wohlfühlatmosphäre der Geborgenheit, die die Natur von New Hampshire hier bietet: Wald und Strände, Sonnenaufgänge, Möwen und beschauliche kleine Restaurants in einem Ort, in dem jeder jeden kennt und man sich irgendwie spontan wohl und zuhause fühlt. Jedoch ist dieses Gefühl natürlich trügerisch: Denn niemand in Aurora ist wirklich das, was er/ sie zu sein scheint.

Wie auch schon in seinem Buch „Die Geschichte der Baltimores“ erzählt Joël Dicker auch „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ auf mehreren Zeitebenen (v.a. im Jahr 1975 als Nola verschwindet und im Jahr 2008, als ihre Leiche gefunden wird und Marcus Goldman die Ermittlungen aufnimmt). Zwischen diesen springt er hin und her und spinnt so ein unfassbar komplexes Geflecht aus Geschichten und Informationen, in dem er ein Gesellschaftsporträt lebendig werden lässt und durch welches langsam der Mord an Nola Kellergan rekonstruiert wird. Durch unfassbar gekonnte Sprünge zwischen unterschiedlichen Momenten der Vergangenheit und der erzählten Gegenwart wird das entstehende Bild von dem, was Nola zugestoßen ist, ganz langsam deutlicher und sichtbar. Aber das alles geschieht vor einem unglaublich spannenden und komplexen Hintergrund des Örtchens Aurora, wo jeder Einwohner ein Geheimnis zu haben scheint. Dabei geht Joël Dicker beim Erzählen so unfassbar geschickt und grandios vor, dass er es wirklich schafft, die Spannung bis zur letzten Seite aufrechtzuerhalten und dabei immer wieder mit unvorhergesehenen Wendungen aufzuwarten.

CHARAKTERE

Wie auch schon in seinem Buch „Die Geschichte der Baltimores“ schafft es Joël Dicker auf unvergleichliche Weise, dass man als Leser eine sehr emotionale Bindung zu den Protagonisten aufbaut. Dabei zeigt jeder einzelne Charakter eine besondere, berührende Tiefe, sodass ich binnen kürzester Zeit mit meinem ganzen Herzen an den Protagonisten zu hängen anfing. Man kann gar nicht anders, als mitzufiebern, sich mitzufreuen und mit den Figuren zu trauern.

WARUM ES MIR GEFALLEN HAT

Dieser Roman ist so unglaublich komplex und zugleich so hochspannend aufgebaut, dass ich mich auf 720 Seiten keinen Moment gelangweilt habe (und wann kommt sowas schonmal vor?). Ich habe bisher nur wenige Bücher erlebt, die keine Längen hatten und durchgängig einfach nur faszinierend und spannend waren. Zudem hat der Autor hier Charaktere erschaffen, die für immer einen Platz in meinem Herz haben werden. Wie bereits erwähnt feiere ich auch die magische Atmosphäre dieses Buches: Auf der einen Seite die sonnige Geborgenheit Auroras, auf der anderen Seite eine abgründige, düstere Geschichte, die den Leser packt und nicht mehr loslässt.

Insagesamt kann man sagen: Es geht um VIEL MEHR als ein verschwundenes Mädchen und einen Mord. Vielmehr ist es die Geschichte einer ganzen Kleinstadt mit all ihren Einzelschicksalen, es ist die emotionale Geschichte zweier Schriftsteller und auch eine Hommage an die Liebe und ans Schreiben.

Joel Dicker ist so ein unfassbares Schriftstellertalent, dass mir teilweise einfach nur der Mund offen stehen geblieben ist und ich zwischen krasser Spannung, Faszination und emotionalem Berührtsein nur so von Seite zu Seite geflogen bin und wirklich das Gefühl hatte, in Aurora bei den Protagonisten zu sein und die Seeluft am dortigen Grand Beach zu schnuppern und die Möwen schreien zu hören. Dieses Buch hat für immer einen Platz in meinem Bücherregal und auch in meinem Herzen 😊

WEITER IM PODCAST

Wie bereits erwähnt, erzähle ich in meinem Podcast noch viel ausführlicher von diesem tollen Buch. Unter anderem spreche ich über mögliche Parallelen zu Nabokovs „Lolita“ und zu der Frage, ob die zwischen Harry Quebert und Nola eine ähnliche „Beziehung“ zu beobachten ist wie zwischen Humbert Humbert und Dolores Haze. Hier kommt ihr zur Podcast-Episode: https://www.podcast.de/episode/507379630/die-wahrheit-ueber-den-fall-harry-quebert-von-joel-dicker

Viel Spaß beim Hören, bis bald und alles Liebe,

Christina

LESEMONAT SEPTEMBER 2020

Hallöchen ihr Lieben, wie schön, dass ihr wieder da seid! Heute möchte ich euch meinen Lesemonat September vorstellen, in dem ich vier Bücher geschafft habe:

  • „LYING GAME 1 – Und raus bist du“ von Sara Shepard
  • „LYING GAME 2 – Weg bist du noch lange nicht“ von Sara Shepard
  • „LYING GAME 3 – Mein Herz ist rein“ von Sara Shepard
  • „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek

„LYING GAME Teile 1 bis 3“ von Sara Shepard

Da ich ja ein riesen Fan von Sara Shepard und ihren Büchern bin, musste unbedingt die „LYING GAME“-Reihe bei mir einziehen. Insgesamt besteht die Reihe aus sechs Bänden, von denen ich im September gleich mal die ersten drei direkt hintereinander weggelesen habe.

Covers LYING GAME-Reihe Teile 1 bis 3

INHALT

Emma Paxton, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag steht, hat fast ihre gesamte Kindheit als Pflegekind in den unterschiedlichsten Familien verbracht. Ihre Mutter Becky war aufgrund psychischer Probleme nicht mehr in der Lage, sich um Emma zu kümmern und hat sie als kleines Mädchen bei einem Supermarkt zurückgelassen. Emma fühlt sich bis in die Gegenwart unfassbar alleine und entwurzelt. Leider hat sie nie die Erfahrung eines geborgenen, stabilen und liebevollen Familienlebens machen können – ein Bedürfnis, das bis heute wie eine Wunde in ihr brennt.

Durch ihren Pflegebruder erfährt Emma von einem ziemlich schockierenden Video im Internet, in dem es scheint, als würde ein junges Mädchen vor laufender Kamera erwürgt. Und als wäre dies allein nicht schon krass genug, gibt es noch eine große Besonderheit an diesem merkwürdigen Video: Das Mädchen, das vor laufender Kamera getötet zu werden scheint, sieht aus wie Emma!

Emma kommt schließlich auf eine unfassbare Idee: Könnte es womöglich sein, dass sie eine Zwillingsschwester hat, von der sie nie etwas geahnt hat? Wurde diese direkt nach der Geburt von ihr getrennt? Und falls ja: Was hat es dann mit diesem schrägen Video auf sich? War das vielleicht nur ein makabrer Scherz? Emma startet eine Recherche auf Facebook und es soll nicht lange dauern, bis sie schließlich wirklich auf das Facebookprofil von Sutton Mercer stößt, Emmas Zwillingsschwester, die bei einer reichen und liebevollen Familie in einer Kleinstadt in Phoenix lebt. Emma nimmt sofort Kontakt zu ihrer Schwester auf. Sutton reagiert begeistert auf Emmas Nachricht und lädt sie zu sich nach Phoenix ein: Schließlich muss dieses unverhoffte und unerwartete Wiedersehen der beiden Schwestern gefeiert werden. Könnte dies also der Beginn des Familienlebens sein, das sich Emma immer so sehr gewünscht hat?

Emma setzt sich in den Bus und ist kurz darauf in der Heimatstadt von Sutton angekommen. Doch Sutton erscheint nicht am ausgemachten Treffpunkt. Stattdessen erhält Emma eine zutiefst verstörende und beunruhigende Nachricht: Sutton sei tot und Emma müsse nun Suttons Rolle übernehmen, wenn sie nicht ebenfalls sterben wolle. Nun bleibt Emma keine andere Wahl, als Suttons Leben zu übernehmen, denn niemand glaubt ihr, als sie erste Versuche unternimmt, ihre Situation zu erklären. Und nun gibt es genau zwei Personen, die wissen, dass Sutton nicht mehr lebt und von ihrer Schwester „gespielt“ wird: Emma und Suttons Mörder.

Emma macht sich daraufhin daran, selbstständig zu ermitteln, wer ihre Schwester getötet hat. Bald merkt sie, dass Sutton zwar zu den beliebtesten, aber auch zu den gefürchtetesten Mädchen der Highschool gehört hat und somit gibt es viele, die ein Motiv hätten, Sutton zu töten…

AUFBAU DES BUCHES UND MEINE MEINUNG

Gleich zu Beginn des Buches wartet die Geschichte im Hinblick auf die Erzählperspektive mit einer Überraschung auf. Denn: Zusätzlich zu Emmas Erzählperspektive, bei der es sich um einen auktorialen Erzähler in der dritten Person Singular handelt, kommt eine weitere Erzählperspektive als Ich-Erzähler dazu. Auch, wenn ich hierzu nicht mehr sagen möchte, um euch nicht zu spoilern, muss ich sagen, dass ich diesen Kniff in der Erzählweise superspannend und gelungen fand! Beide Perspektiven ergänzen sich großartig miteinander und ermöglichen uns als Leser manchmal Einblicke in die Zusammenhänge der Geschichte, die die Protagonistin Emma erstmal nicht haben kann.

Mir hat es unheimlich gut gefallen, wie ich als Leserin gemeinsam mit Emma immer mehr in Suttons Leben eintauchen und Stück für Stück mehr über sie und ihr Umfeld erfahren konnte. Dass das ganze selbstverständlich nicht sonderlich realistisch ist, ist denke ich klar (sowas stört mich bei Sara Shepard aber zugegebenermaßen auch nicht sonderlich). Wie in allen Büchern von Sara Shepard spielt auch die LYING GAME-Reihe wieder in recht elitären, wohlhabenden Kreisen der amerikanischen Oberschicht, in denen die Charaktere ziemlich luxuriöse Leben führen (ein Aspekt, der mit Emmas Erfahrungen kollidiert, die in ihrem bisherigen Leben unter ärmlichen Bedingungen von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gegeben wurde – ein Teil der Geschichte, den ich sehr spannend zu beobachten fand).

Und wie immer wartet Sara Shepard wieder mit so mancher Wendung und so manchem Geheimnis auf, eigentlich so, wie es typisch für ihre Romane ist.

Was man der LYING GAME-Reihe allerdings anmerkt, ist die Tatsache, dass diese auf insgesamt sechs Bände ausgelegt ist und auch dementsprechend geplant und geschrieben wurde. Will heißen: Im Gegensatz zu anderen Büchern und Reihen von Sara Shepard ist das Erzähltempo dieser Bücher doch eher als gemächlich und langsam zu bezeichnen. Alles in allem lässt sich Sara Shepard in der LYING GAME-Reihe viel mehr Zeit, ihre Handlung voranzutreiben. Das sonst so atemlose Erzähltempo mit zahlreichen Wendungen und Ereignissen, die sich ständig zu überschlagen scheinen, sucht man hier doch eher vergeblich. Das fand ich persönlich zwar verständlich, aber auch zugegebenermaßen etwas schade, da ich Sara Shepard für ihr großes Talent, den Leser vom einen spannungsgeladenen Wendepunkt zum nächsten zu schicken, sehr schätze. Dies hat mir hier gefehlt.

Alles in allem muss ich sagen, dass ich die LYING GAME-Reihe sehr gern gelesen habe. Sowohl der Grundgedanke der Geschichte, als auch der Aufbau, die Charaktere und die Geheimnisse, die die Figuren miteinander verbinden, fand ich in den ersten drei Bänden sehr gelungen. Ich habe mich einfach sehr gerne in der Welt dieser Bücher aufgehalten und fand die Unterschiedlichkeit zwischen Emma und Sutton als Persönlichkeiten zwar nicht realistisch, aber dennoch sehr unterhaltsam zu lesen. Auch, wenn ich die Reihe definitiv fertiglesen werde (Band 4 befindet sich bereits auf meinem Kindle), muss ich aber dennoch anmerken, dass mir aufgrund des gemächlicheren Erzählstils und des zurückgenommenen Tempos (das auch mal für einige Längen sorgen kann, was ich sonst von Sara Shepard nicht kenne), das eigentlich sonst typische Page-Turner-Gefühl leider fehlt.

Wenn ihr gerne Young-Adult-Romane lest, die in Richtung von Pretty Little Liars gehen und Aspekte wie Crime und Mystery mit leicht verdaulichen Teenager-Geschichten verbinden, dann könnte euch die LYING GAME-Reihe wirklich gefallen!

Die Bücher sind bei cbt erschienen und haben jeweils um die 320 Seiten.

„Passagier 23“ von Sebastian Fitzek

Cover „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek

Es mag unglaublich erscheinen, aber das hier war tatsächlich mein „erster Fitzek“. Auch, wenn gefühlt JEDER schonmal was von Sebastian Fitzek gelesen hat, hatte ich hier bisher noch eine große Bildungslücke. Ich hab schon so viel von ihm gehört, von begeisterten Fans, die stundenlang für ein Autogramm von ihm anstehen und von Kritikern, die seine Bücher nichtmal mit der Kneifzange anfassen würden. Alles in allem scheint Sebastian Fitzek für seine Fans aber ein absoluter Knaller zu sein und sein Erfolg, der ihn schon lange als absoluten Bestseller-Garant auszeichnet, scheint ihm recht zu geben. Ich war jedenfalls unheimlich neugierig, wie ich die Bücher von Sebastian Fitzek finden würde und habe mich nach einiger Recherche für „Passagier 23“ entschieden, da mich der Gedanke sehr fasziniert, dass dieser Psychothriller auf so begrenztem Raum spielt.

INHALT

Der Polizeipsychologe Dr. Martin Schwartz ist seit fünf Jahren ein komplettes psychisches Wrack. Denn vor fünf Jahren verlor er seine Frau Nadja und seinen Sohn Timmy, als die beiden einen extrem rätselhaften Tod an Bord des Luxuskreuzfahrtschiffs „Sultan of the Seas“ starben. Martin weiß bis heute nicht genau, was damals wirklich geschehen ist, da er zu diesem Zeitpunkt in einem Undercover-Einsatz der Polizei unterwegs war und seine Familie nicht auf Kreuzfahrt begleiten konnte. Wie es scheint, hat seine Frau Nadja an Bord des Luxusschiffs sogenannten erweiterten Suizid begangen – hat also nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem kleinen Sohn Timmy das Leben genommen, in dem beide absichtlich über Bord gingen – so lautet zumindest die offizielle Erklärung der Reederei, der Martin bis heute nicht glauben kann.

Seit dem Tod seiner Frau und seines Sohnes sieht Martin keinen Sinn in seiner Existenz mehr. Er geistert von einem hochriskanten Spezialpolizeieinsatz zum nächsten und scheint sich aufgegeben zu haben…

…Bis er eines Tages einen rätselhaften Anruf einer älteren Dame erhält, die ihm erzählt, sie sei Thriller-Autorin und habe neue Hinweise zu Timmys Verschwinden an Bord der Sultan of the Seas. Sie fordert Martin auf, sich schnellstmöglich an Bord der Sultan of the Seas zu begeben, da sich dort etwas Unglaubliches ereignet hat: Die vierzehnjährige Anouk ist gemeinsam mit ihrer Mutter vor einigen Wochen ebenfalls von Bord des Kreuzfahrtschiffs verschwunden – doch nun ist sie überraschend wieder aufgetaucht. Und bei ihrer Rückkehr hat sie den Teddy von Martins Sohn Timmy bei sich…

Martin Schwartz muss seinem schlimmsten Alptraum ins Auge sehen und begibt sich an Bord des Luxuskreuzfahrtschiffs und versucht herauszufinden, was damals wirklich mit seiner Frau und seinem Sohn geschehen ist.

MEINE MEINUNG

Ich muss sagen, dass ich echt viel Spaß beim Lesen von „Passagier 23“ hatte. Auch, wenn ich den Prolog (der irgendwie erst ganz zum Schluss im Epilog wieder aufgegriffen wird) zunächst eher ziemlich abstoßend fand, da ich das Gefühl hatte, dass es hier eher um Effekthascherei mit einer besonders brutalen, blutigen und gestörten Szene ging, habe ich doch dann schließlich sehr gut ins Buch reingefunden.

Obwohl ich den Protagonisten Martin Schwartz grundsätzlich echt gerne durch das Buch begleitet habe und mich immer dafür interessiert habe, wie es mit ihm und seinem Aufenthalt auf der „Sultan of the Seas“ weitergeht, muss ich aber hier einen Kritikpunkt anbringen:

Es schien mir, als seien so ziemlich alle Charaktere dieses Buches so hoffnungslos überzeichnet, dass sie mir teilweise fast wie Karikaturen oder totale Stereotype vorkamen. Grundsätzlich scheint Sebastian Fitzek etwas zur Übertreibung zu neigen, sodass ich mich öfters fragte: „Eine Nummer kleiner hattest du es nicht?“ – Da reicht es beispielsweise nicht, dass die verschwundene und wieder aufgetauchte Anouk ein ziemlich intelligentes Mädchen ist – nein, sie ist sogar höchstbegabt und beherrscht mehrere Sprachen und gilt als absolutes Genie. Und der Protagonist Martin Schwartz ist nicht einfach nur psychisch extremst belastet – er spritzt sich selber sogar HIV-Antikörper, zieht sich selbst einen Schneidezahn mit einer Zange, die er mal eben aus der Tasche zieht und lässt sich eine Tätowierung stechen – nur, um für einen Undercover-Einsatz optimal vorbereitet und unter den heimlich überwachten Kriminellen glaubwürdig zu sein. Das ist zwar eine extrem „aufopfernde“ und lebensmüde anmutende Verhaltensweise – ich fand es nur etwas „über’s Ziel hinaus“ und sehr übertrieben.

Generell hat man wahrscheinlich mehr von einem Fitzek-Thriller, wenn man seinen Drang zu hinterfragen, wie realistisch das ganze überhaupt sein kann, am Anfang des Buches abgibt. Ich bin der Meinung, dass man dieses Buch nicht sonderlich mögen wird, wenn man sich die ganze Zeit überlegt, wie und ob so etwas in Realität überhaupt funktionieren würde. Ich denke, dass man sich mit der Prämisse, dass Sebastian Fitzek die Realität bis ins Extreme dehnt, anfreunden können muss, um seinen Thriller „Passagier 23“ genießen zu können. Ich bin irgendwann recht gut damit klargekommen, dass man das ganze in seiner realitätsnahen Machbarkeit einfach nicht hinterfragen darf – und genau an dieser Stelle wartet dann der Lesespaß auf einen!

Ich muss wirklich sagen, dass mich dieser Psychothriller wirklich super unterhalten hat. Das ganze mag natürlich keine große, bedeutsame Literatur sein, aber das behauptet ja auch niemand. Hier handelt es sich um typische Unterhaltung für zwischendurch. Und dementsprechend sollte wahrscheinlich auch die eigene Erwartungshaltung sein. Die Geschichte fand ich spannend und interessant und tatsächlich auch nicht zu vorhersehbar, sodass ich das ein oder andere Mal auch echt überrascht war von dem, was Sebastian Fitzek alles an Wendungen aus dem Hut zaubert. So endet fast jedes Kapitel mit einem Cliffhanger, der ganz automatisch dafür sorgt, dass man unbedingt weiterlesen und erfahren möchte, wie es weitergeht. Manche Menschen (vor allem Fitzeks Kritiker) empfinden diese Cliffhanger-Technik am Ende eines jeden Kapitels vielleicht als billigen Taschenspielertrick – ich muss aber sagen, dass ich persönlich solche Cliffhanger ganz cool finde. Für mich persönlich wurde die Spannung so gesteigert und aufrechterhalten, genauso wie mein Lesespaß. Ob man sowas mag, oder nicht, ist denke ich total individuell und jede Sichtweise ist hier absolut legitim. Ich mochte Sebastian Fitzeks Art zu plotten und seine Geschichte aufzubauen wirklich gerne.

Die Auflösung am Ende fand ich recht gelungen (wobei ich im Hinblick auf den Epilog bis jetzt noch etwas gespalten bin), wenn ich auch den Teil, der dann in der dominikanischen Republik spielt (und der noch einige Erklärungen liefert), teilweise nicht mehr ganz logisch fand. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch am Ende sehr zufrieden und sehr gut unterhalten beendet.

Wenn ihr gerne Psychothriller lest und euch das Setting eines Luxuskreuzfahrtschiffs interessiert, wo gekonnt mit der luxuriösen Urlaubsatmosphäre und einer tödlich-krankhaften-klaustrophobischen Stimmung auf der anderen Seite gespielt wird und ihr über recht unnatürliche Charaktere hinwegsehen könnt, dann kann ich euch „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek echt empfehlen.

Ich werde -wenn auch nach einer Pause- bestimmt noch weitere Bücher von Sebastian Fitzek lesen, wenn ich auf einen Klappentext stoße, der mich interessiert.

Das Buch ist bei Knaur erschienen und hat 432 Seiten.

Das war’s auch schon mit meinem Lesemonat für den September. Habt ihr schon was von den genannten Büchern gelesen? Oder stehen diese vielleicht auf euren Wunschlisten? Wenn ja, was denkt ihr denn über die Bücher? Ich freue mich sehr über den Austausch in den Kommentaren mit euch!

Ansonsten freue ich mich auch wie verrückt, wenn ihr auf meinem Podcast „Seitengeraschel“ vorbeischaut und reinhört. Ihr findet diesen auf Spotify, iTunes, Podimo oder auch sonst überall, wo es Podcasts gibt!

Bis bald und alles Liebe,

Christina 🙂

Werbung wegen Markennennung. Ich habe alle Bücher von meinem eigenen Geld bezahlt und erhalte für die Rezensionen keinerlei Vergütung.

Lesemonat August 2020

Nun haben für mich auch offiziell die Sommerferien beziehungsweise die Semesterferien begonnen (Yaaay!), das bedeutet, dass ich ab September hoffentlich wieder eher zum Lesen, Bloggen und Podcasten komme (ich hüpfe einmal bei diesem Gedanken). Ich hoffe, dass ihr den (Spät)sommer auch genießen könnt und dabei vielleicht ja auch wieder hier ein bisschen Leseinspiration finden könnt.

Ich habe diesen Monat ein Hörbuch gehört und drei Bücher beendet. Wie mir diese gefallen haben und was ich über die Bücher im Einzelnen so denke, verrate ich euch gerne im Folgenden. Und ja, es ist wieder mal ziiiiemlich lang geworden – dafür schonmal ein kleines Sorry! 😉 Trotzdem aber wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Lesen! 🙂

„Da waren’s nur noch zwei“ von Mel Wallis de Vries

Cover: „Da waren’s nur noch zwei“ von Mel Wallis de Vries

Das erste Buch, das im August als Hörbuch gehört und beendet habe, war „Da waren’s nur noch zwei“ von der niederländischen Autorin Mel Wallis de Vries. Dabei handelt es sich um einen Jugendbuch-Thriller. Wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, dann wisst ihr ja, dass ich dieses Genre total liebe und immer für einen guten Jugendbuch-Thriller zu haben bin. Was ich an diesen Büchern schätze ist, dass sie immer spannend und interessant sind, aber dass sie dabei nie zu blutig oder heftig sind. Wer also gerne Thriller lesen würde, aber nachts trotzdem immer noch ohne Probleme einschlafen können möchte, der könnte mit Jugendbuch-Thrillern sehr gut bedient sein.

INHALT

In „Da waren’s nur noch zwei“ geht es um die vier Teenager-Mädchen Abby, Pippa, Feline und Kim, die kurz vor Weihnachten den Beginn ihrer Ferien nutzen, um aus ihrer niederländischen Heimat Amsterdam für ein paar Tage in die Ardennen nach Belgien zu fahren. Dort wollen sie einige Tage in der luxuriösen Jagdhütte in den Bergen von Abbys Vater verbringen und ihr letztes Schuljahr mal richtig feiern.

Doch von Anfang an dieser Reise gibt es immer wieder Spannungen zwischen den Mädchen. Während die Gastgeberin Abby und die wunderschöne und ziemlich dominante Pippa schon gedanklich ihr Studium in Frankreich miteinander planen, fühlen sich Kim und Feline irgendwie ausgeschlossen und werden immer gereizter, da sie das Gefühl haben, dass Pippa immer über alle bestimmen muss.

Als Pippa dann für den nächsten Abend einige femde junge Männer zum Feiern in die Hütte der Mädels einlädt, gerät die Party bald irgendwie außer Kontrolle und ein Streit zwischen Kim und Abby völlig aus den Fugen. Und dann, mitten in der Nacht, verschwindet Kim plötzlich spurlos im Schnee. Auch, wenn die Mädels am nächsten Tag fieberhaft nach ihrer Freundin suchen, kommen sie aber nicht weit: Denn es schneit immer stärker, solange, bis der Strom ausfällt und die Hütte komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist. Und dann finden die Mädels die rätselhaften Fußspuren eines Fremden in ihrer Hütte…

AUFBAU DER GESCHICHTE

Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Inhalt nicht verraten. Zunächst einmal muss ich sagen, dass mir der Aufbau dieser Geschichte unfassbar gut gefallen hat: Sie wird aus den einzelnen Perspektiven der vier Mädels erzählt, die nacheinander in größeren Abschnitten zu Wort kommen und die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Im Hörbuch gab es hier vier wirklich großartige Sprecherinnen, die man als superbekannte Synchronstimmen auch aus Filmen und Serien kennt. Ich muss echt sagen, dass die grandiose schauspielerische Leistung dieser Leserinnen für mich wahrscheinlich der entscheidende Punkt war, der dafür gesorgt hat, dass ich die Geschichte so spannend fand. Auch der Schreibstil von Mel Wallis de Vries hat sehr gut zum Genre des Jugendbuch-Thrillers gepasst, wie ich fand: Eine recht einfache Sprache, die sich schnell weglesen lässt und aber dennoch super Spannung aufbaut.

Was mich sofort gefangen genommen hat, war der unfassbar großartige Anfang: Hier wird ein unglaublich düsteres, undurchsichtiges Szenario beschrieben, in dem man sofort eine beklemmende Angst spürt, auch wenn man, wie die Ich-Erzählerin keine Ahnung hat, was da gerade passiert. Alleine dieser Anfang war schon so gruselig und spannend, dass ich gar nicht anders konnte, als dranzubleiben und erfahren zu wollen, was da passiert ist. Und diese großartige Erzählweise, die eine richtige Beklemmung und Spannung und stellenweise auch Angst auslöst, macht Mel Wallis de Vries für mich echt zu einer tollen Jugendthriller-Autorin. Auch die Atmosphäre in der abgeschiedenen Berghütte, in der irgendwann der Strom ausfällt und die für die Außenwelt nicht mehr erreichbar ist, ist der Autorin so unfassbar großartig gelungen. Allein wegen des Aufbaus der Geschichte, der zu dieser Atmosphäre der Verzweiflung, Beklemmung und Ausweglosigkeit führt, wäre für mich Grund genug, dieses Buch zu feiern.

KRITIK

Ein einziger Kritikpunkt, den ich unbedingt äußern möchte, ist die Auflösung am Ende. Leider hat mir diese überhaupt nicht gefallen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich dieses Ende so nicht habe kommen sehen, fand ich es doch aber sehr unglaubwürdig und konstruiert. Dabei konnte ich weder das Motiv, noch die Vorgehensweise entsprechender Figuren nachvollziehen, noch glaubhaft finden. Da ich aber ein Buch, das an sich super geschrieben ist und nur kein tolles Ende hat, nicht an sich schlecht finden kann, ist „Da waren’s nur noch zwei“ immer noch ein tolles Buch für mich, das mich auf einfache Art und Weise super unterhalten hat. Ich werde mir ganz bestimmt auch noch weitere Bücher der Autorin anschauen. Und nebenbei: Ich könnte mir vorstellen, dass das Buch für ganz junge Teenager (also vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt) noch nicht geeignet ist, da doch einige Stellen darin vorkommen, die ich für diese Altersspanne ein bisschen heftig finde. Ich würde das Buch vielleicht ab 15 oder 16 empfehlen, es kann aber definitiv auch was für erwachsene Leser sein, wenn man grundsätzlich kein Problem mit Protagonisten hat, die eben selbst noch sejr jung sind.

Das Hörbuch kann ich euch absolut empfehlen. Es dauerte etwas mehr als 5 Stunden. Das Buch als Print-Ausgabe ist bei One erschienen und hat 288 Seiten.

„Alias Grace“ von Margaret Atwood

Cover: „Alias Grcae“ von Margaret Atwood

Als zweites Buch habe ich diesen Monat „Alias Grace“ von Margaret Atwood gelesen. Da mir dieses anspruchsvolle und unglaublich stimmungsvolle Buch sehr gut gefallen hat, habe ich einen extra Beitrag ganz speziell für dieses Buch vor einigen Tagen auf meinem Blog verfasst. Dort gehe ich ganz ausführlich und eingehend auf das Buch, den Schreibstil, die Figuren und die angesprochenen Themen ein. Daher werde ich mich hier recht kurz fassen. Falls ihr euch für das Buch im Detail interessiert, dann schaut euch sehr gerne meinen Blogbeitrag dazu an: (https://seiiitengeraschel.com/2020/08/23/alias-grace-von-margaret-atwood-ein-stimmungs-und-anspruchsvolles-buch/)

Ansonsten gebe ich euch hier nochmals eine kurze Zusammenfassung des INHALTS:

Im Kanada des mittleren, 19. Jahrhunderts, wird dem sechzehnjährigen Dienstmädchen Grace vorgeworfen, ihre beiden Arbeitgeber auf grausame Art und Weise umgebracht zu haben. Während sich die Presse der damaligen Zeit auf sie stürzt, wird die junge, hübsche und sehr intelligente Frau zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die sie im Gefängnis von Toronto verbüßen soll.

Die Jahre vergehen, doch es gibt immer wieder Bestrebungen verschiedener Interessensgruppen, um eine Begnadigung für Grace zu erwirken. Dafür will eine Gruppe der höheren Gesellschaft Graces Unschuld beweisen. Da sich Grace aber an die Einzelheiten der Tatnacht nicht erinnern kann und in der Vergangenheit im Gefängnis immer wieder Anfälle von „Hysterie“ gezeigt hat, soll ein junger Arzt beauftragt werden, um Grace zu helfen. Dieser junge Arzt, Dr. Simon Jordan, soll Grace durch eine Art „Gesprächstherapie“ dazu bringen, sich wieder an die Mordnacht zu erinnern und ein Gutachten erstellen, das Graces Unschuld schließlich untermauern und zu ihrer Freilassung führen soll.

Und so treffen sich Grace und Dr. Jordan täglich, um sich miteinander zu unterhalten. Jedoch passiert nach einiger Zeit genau das, was nicht geschehen soll: Und zwar verliebt sich Dr. Jordan prompt in die wunderschöne, charismatische Grace. Und über allem schwebt immer die Frage: Wer ist Grace wirklich? Eine unschuldige Frau, die für eine Tat büßt, die sie nie begangen hat? Oder ist sie doch eine durchtriebene und unberechenbare Mörderin?

ERZÄHLPERSPEKTIVE, STRUKTUR UND FIGUREN

Besonders spannend an dem Buch finde ich, dass es sowohl aus Graces Perspektive (in Form einer Ich-Erzählung während ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan), als auch aus der Sicht von Dr. Jordan als behandelndem Arzt geschrieben ist. Das bedeutet, dass man als Leser immer beide Perspektiven sieht und Einblick in beide Seiten erhält und dabei erkennt, dass da eine sehr komplexe Beziehung zwischen den beiden ensteht. Zudem merkt man mit der Zeit, dass Grace nicht immer alles erzählt, was sie weiß, sondern dass sie sich auch dafür entscheidet, die Dinge so zu erzählen (oder zu verschweigen), wie sie es für richtig hält. Und auch in Bezug auf Dr. Jordan merkt man schnell, dass dieser vielleicht selbst nicht unbedingt eine sehr stabile und widerstandsfähige Psyche hat.

Die Geschichte ist dabei in 15 Teile gegliedert, die gewissermaßen auch eine Art Metapher für Graces Lebensentwicklung darstellen. Solltet ihr euch dafür näher interessieren, dann schaut sehr gerne auf dem detaillierten Blogeintrag zum Thema vorbei. 🙂

ANGESPROCHENE THEMEN, ERZÄHLSTIL UND ATMOSPHÄRE

Das Buch hat mir unter anderem auch deshalb so gut gefallen, weil es unfassbar viele, spannend erzählte Themen aus dem 19. Jahrhundert aufgreift. Dabei ist es ganz egal, ob Margaret Atwood die Lebenssituation in himmelschreiender Armut und Elend beschreibt, in der Grace aufwächst, ob sie über die Rolle der Frau, Auswanderung auf den nordamerikanischen Kontinent oder die aufkeimende psychologische Forschung im 19. Jahrhundert schreibt – das Buch ist immer von einer bildhaften, akribisch-detaillierten und sehr emotionalen Sprache getragen. Und nebenher erschafft Margaret Atwood hier eine Atmosphäre, die mysteriös, bedrückend und richtig düster ist. Diese Atmosphäre wird besonders deutlich, wenn die Protagonisten von Alpträumen heimgesucht werden, in denen die Realität manchmal so unfassbar gekonnt mit der Traumwelt verschwimmt und verwoben wird, dass man als Leser wirklich oft nicht sagen kann, was jetzt Traum und was Realität ist.

KRITIKPUNKT:

Als einzigen Kritikpunkt möchte ich anmerken, dass das Buch zwischendrin seine Längen hat. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass Graces Erzählungen bei Dr. Jordan auch im Plauderton eines Gesprächs geschrieben und damit sehr umgangssprachlich gehalten sind. Dieser Erzählton ist zwar super an Grace angepasst – leider aber nicht immer ganz lesefreundlich auf Dauer. Zudem beschreibt Margaret Atwood bestimmte Tätigkeiten aus Graces Arbeitsalltag als Hausmädchen mit einer solchen Akribie und so unfassbar viel Detail, dass ich mich hier doch durch manche Längen etwas durchkämpfen musste. ABER: Ich wurde absolut belohnt mit einer großartigen, stimmungs- und anspruchsvollen Geschichte, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Das Buch ist bei PIPER erschienen und hat 613 Seiten.

„Zu viel und nie genug: Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ von Mary L. Trump

Cover: „Zu viel und nie genug“

Auf dieses Buch war ich wirklich unfassbar gespannt! Ich hatte es mir vorbestellt und dann gleich am Erscheinungstag im Briefkasten. Das Buch hat auch schon in den USA für Furore gesorgt, da dessen Veröffentlichung eigentlich gestoppt werden sollte, am Ende dann aber ohne Erfolg. Und deshalb können wir es jetzt lesen.

Das Buch wurde von Mary Trump, der Nichte des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump geschrieben. Sie hat erzählt, dass sie dieses Buch geschrieben hat, weil sie beobachtet hat, dass Donald Trump im Rahmen seiner Politik und seiner Rolle als Präsident in seiner Regierung genau die gleichen Muster zu wiederholen scheint, wie sie schon im Familienalltag bei den Trumps gang und gäbe waren (wenn natürlich auch in größerem Umfang!). Sie erzählt, dass sie verhindern will, dass Donald Trump ein zweites Mal gewählt wird und somit die Zerstörung der amerikanischen Demokratie riskiert, wie Mary Trump schreibt. Sie schreibt, dass es Zeit geworden ist, dass jemand den Mund aufmacht und etwas gegen den aktuellen Präsident sagt und tut. Aus diesem Grund, so sagt sie, schrieb sie dieses Buch.

Ich war besonders gespannt, Mary Trumps Buch zu lesen, da mich ihre Perspektive nicht nur als Familienmitglied von Donald Trump, sondern in erster Linie ihre Sichtweise als klinische Psychologin unheimlich interessiert hat. Denn Mary Trump ist selbst promovierte klinische Psychologin und unterrichtet sogar auch Psychologie (wenn ich das richtig mitbekommen habe). Daher war ich umso gespannter zu lesen, wie sie auch aus einer fachlichen Perspektive die Verhaltensweisen ihres Onkels, die einen ja oft den Kopf schütteln lassen, einordnet.

Ich muss vorausschicken, dass ich beim Schreiben gemerkt habe, dass es wirklich keine einfache Aufgabe ist, den Inhalt dieses Buches zusammenzufassen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Zusammenhänge und Dynamiken innerhalb einer Familie (so wie Mary Trump eben hier ihre Familie beschreibt) nur sehr schwer wiederzugeben sind. Daher werde ich im Folgenden eher einzelne Aspekte lediglich herausgreifen und beschreiben, warum ich diese spannend/ interessant fand.

Mary Trump beginnt ihre Erzählung mit der Familiengeschichte der Trumps und fängt bei Donald Trumps Großvater an, der aus Deutschland in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte, um dort ein besseres Leben zu finden. Hier hält sie sich aber eher kurz auf und legt den Fokus auf den Vater Donald Trumps, auf Fred Trump. Dabei beschreibt Mary Trump sowohl den beruflichen Aufstieg Fred Trumps als erfolgreicher Bauunternehmer, als auch das familiäre Umfeld, in dem die fünf Kinder von Fred Trump und seiner Frau Mary Anne aufwuchsen. Dabei muss ich gestehen, dass ich teilweise richtiggehend erschüttert war von der Kälte und der Gefühlsarmut, die Donald Trump und seine Geschwister im Kindesalter schon erfahren mussten. Besonders hervorheben möchte ich hier, dass Mary Trump (obwohl manche Leser dies vielleicht bei einem „Abrechnungsbuch“ wie diesem nicht erwarten würden) Donald Trumps Kindheitsgeschichte mit unheimlich viel Empathie und Einfühlungsvermögen für den kleinen Kindheits-Donald erzählt und dabei sehr gekonnt aufzeigt, wie sich dieser eine Persönlichkeit aneignen musste, um in diesem Familienumfeld zu überleben. An viele Stellen wurde ich beim Lesen richtiggehend traurig – denn es war nicht leicht zu lesen, wie sehr Donald und seine Geschwister unter ihrem Elternhaus zu leiden hatten. Dabei ist nichts von alledem eine Entschuldigung für Donald Trumps Verhalten heute (schließlich ist er heute ja erwachsen und trägt Verantwortung, sowohl für sich selbst als auch für ein ganzes Land), aber nichtsdestotrotz ist eine Erklärung. Ich glaube, dass es bei solchen Fällen immer wichtig ist die Begriffe „Entschuldigung“ und „Erklärung“ zu unterscheiden. Und Mary Trump liefert keine Entschuldigungen, ganz im Gegenteil. Aber: Sie zeigt uns als Lesern viele Erklärungen auf.

Ein weiterer wesentlicher Teil dieses Buches ist auch der Lebensgeschichte von Mary Trumps Vater Freddy gewidmet, der leider am Druck, der Gefühlskälte und der unerreichbaren Erwartungshaltung seines Vaters zerbrochen ist. Dabei geht Mary Trump sowohl auf den Narzissmus ihres Großvaters ein, der wohl die wesentliche Ursache für die psychischen Probleme ihres Vaters Freddy waren, als auch auf die Qualen, die ihr Vater von Seiten Dondalds und damit seines eigenen Bruders hinnehmen musste. Besonders die Abschnitte des Buches, die von Mary Trumps Vater handeln, waren für mein Empfinden wirklich unendlich traurig und stellenweise richtiggehend grausam. Denn: Sie zeigten eine toxische Ungerechtigkeit auf, gegen die Freddy Trump immer versuchte, sich zu wehren. Da Freddy Trump der erstgeborene Sohn der Familie war, hätte eigentlich er seinen Vater Fred bei der Geschäftsführung des großen Bauunternehmens der Trumps unterstützen sollen – doch leider war Freddy kein „Killer“, wie sich sein Vater immer gewünscht hatte. Freddy war ein sensibler Mensch, der eher an Wissenschaft und Technik interessiert war, und nicht an den fragwürdigen Geschäftspraktiken seines Bauunternehmervaters Fred. Und so beschreibt Mary Trump auf eindringliche Weise, wie der Patriarch Fred Trump (und später auch sein Sohn Donald) dazu übergingen, Freddy mit narzisstischer Grausamkeit auszulöschen.

Donald Trump wiederum hatte während seiner Kind- und Jugendzeit mittlerweile gelernt, dass er am besten überlebte, wenn er sich mit einer Haltung frecher und aufsässiger Anmaßung, Verantwortungslosigkeit, Unangepasstheit, Raffinesse und Brutalität im Familienleben durchsetzte – diese Verhaltensweise eines „Killers“ gefiel seinem Vater – und so war es schließlich nicht Freddy, sondern Donald, der irgendwann in der Firma seines Vaters Fuß fasste.

Mary Trump erzählt nicht nur auf fesselnde und hochinteressante Art und Weise von der toxischen Familiendynamik und den dieser zugrundliegenden psychologischen Mechanismen, sie räumt auch mit einem Mythos auf: Nämlich dem, dass Donald Trump ein höchsterfolgreicher Geschäftsmann sei, der sich seinen Erfolg duch Geschick und Intelligenz erarbeitet hat. Denn: Mary Trump berichtet vom genauen Gegenteil: Nämlich davon, dass Donald eigentlich fast ausschließlich Misserfolge in der Firma verursacht hätte, jedoch hätte sein Vater all sein Scheitern vertuscht und wettgemacht und lieber zur Befeuerung eines übergroßen Mythos beigetragen: Nämlich, dass Donald der personifizierte Erfolg selbst sei. Mary Trump verweist hier auf konkrete Zahlen und beschreibt viele Projekte, bei denen Donald Trump eigentlich scheiterte, dies aber im Nachgang als größten Erfolg überhaupt verkaufte – und die Öffentlichkeit schien im dankbar zu glauben. Und wenn euch nun gewisse Parallelen zu seinem heutigen Verhalten als Präsident der USA auffallen, so ist dies sicher nicht zufällig. Denn genau dies ist wahrscheinlich Mary Trumps Kernbotschaft: Donald Trump hat in seiner Herkunftsfamilie gelernt, dass verantwortungslose Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit belohnt werden und dass immer andere Menschen für seine Fehler den Kopf hinhalten müssen, während er selbst unfähig ist, Verantwortung zu übernehmen. Und bislang hat diese Strategie (so unfassbar es auch anmuten mag) immer geklappt – sogar auch jetzt, wo er Präseident der Vereinigten Staaten ist. Um diesen Kreis zu durchbrechen, möchte Mary Trump mit ihrem Buch aufklären, wie sie sagt.

INTENTION DER AUTORIN?

Nun kann man sich natürlich fragen, mit welcher Intention Mary Trump dieses Buch geschrieben hat. Geht es ihr um Geld? Schließlich kann man davon ausgehen, dass ein solch brisantes Buch sicher eine Stange Geld einbringt (und schließlich wurde Mary Trump im Hinblick auf ihre Erbansprüche von der Familie Trump ausgebotet und betrogen). Oder geht es ihr um Rache? Denn Mary Trump wurde aus dem Familienkreis ausgeschlossen, als sie gegen die Trumps in ebenjenem Erbschaftsstreit vor Gericht zog. Zudem wurde ihr geliebter Vater Freddy vom Clan der Trumps mit außergewöhnlicher Kaltherzigkeit ausgeschlossen und schließlich ausgelöscht, als er an seiner Alkoholsucht und einer Herzerkrankung starb.

Um was geht es Mary Trump also? Ich glaube nicht, dass sie das Buch aus Rache- oder finanziellen Motiven geschrieben hat. Selbstverständlich merkt man ihr an, dass sie emotional ziemlich involviert ist in die Lebengeschichte ihrer Familie. Und man merkt ganz deutlich, dass es ihr mit diesem Buch nicht zuletzt darum geht, auch den Ruf ihres Vaters, der im Trump-Clan nie eine faire Chance gehabt hat, wiederherzustellen. Des Weiteren denke ich auch, dass sie wirklich den USA und der ganzen Welt aufzeigen möchte, wie der Präsident, Donald Trump, zu dem wurde, was er heute ist. Und: Dass man ihn genau deshalb nicht unterschätzen darf. Dabei kann ich mir gut vorstellen, dass sie einen starken Impuls gehabt haben muss, ihr Wissen und ihre Sicht auf die Dinge mit der Welt zu teilen: Ich stelle es mir irgendwie sehr „triggernd“ vor, den US-Präsidenten dabei zu beobachten, wie sich dysfunktionale Mechanismen um ihn herum im Staatsgeschäft genauso wiederholen, wie sie schon im heimischen, vertrauten Umfeld der Familie Trump stattgefunden haben. Und genau diese Parallele zeigt Mary Trump wirklich messerscharf auf.

Ich muss gestehen, dass ich mir noch mehr psychologische Inhalte und Betrachtungsweisen von Mary Trump auf ihren Onkel gewünscht hätte. Aber nichtsdestotrotz fand ich das Buch sehr erhellend und fesselnd geschrieben. Mit einem sehr angenehmen Schreibstil findet man sich sofort in der Familie Trump und in den letzten Jahrzehnten (bis heute) in den USA wieder und kann alles, was dort geschieht, unheimlich gut nachvollziehen und sich vorstellen. Und auch, wenn man Mary Trumps emotionale Beteiligung an der Thematik durchaus spürt, bleibt sie dennoch sehr sachlich, analytisch und reflektiert und zeigt Dinge aus ihrer Sicht auf.. Dies hat mir sehr gut gefallen. Es gelingt ihr wirklich, die Familienatmosphäre bei den Trumps mit all ihrer narzisstsichen Grausamkeit (die Donald sehr für sich übernommen zu haben scheint) aufzuzeigen, zu erklären und greifbar zu machen. Alles in allem ein fesselndes Buch, das den Leser so manches besser einordnen und verstehen lässt.

Das Buch ist bei Heyne erschienen und hat 276 Seiten.

„Das Lavendelzimmer“ von Nina George

Cover „Das Lavendelzimmer“

Der Roman „Das Lavendelzimmer“ von Nina George hat vor einigen Jahren ja einen riesigen Hype erfahren. Das lag wohl unter anderem auch daran, dass die Moderatorin Christine Westermann in ihrer Sendung im WDR über dieses Buch gesprochen hat und es dort hochgelobt hat. Daraufhin ging das Buch durch die Decke. Ich muss gestehen, dass damals (ich glaube, es war 2013) dieser Hype komplett an mir vorübergegangen ist. Ich bin durch ein Youtube-Video übers Bücherschreiben und die Verlagsarbeit auf dieses Buch aufmerksam geworden und wollte dann doch mal herausfinden, was es mit diesem Buch so auf sich hat und ob der Hype gerechtfertigt war (zumindest für mein Empfinden).

INHALT

Jean Perdu ist Buchhändler und lebt in Paris, wo er eine Buchhandlung der ganz besonderen Art betreibt, nämlich die „Pharmacie Littéraire“, seine Literarische Apotheke. Diese Buchhandlung befindet sich im Bauch eines alten Schiffes, das schon seit Jahrzehnten fix an den Ufern der Seine festgemacht liegt. Dabei hat Jean Perdu eine außergewöhnliche Gabe: Er kann sich in jeden seiner Kunden, der sein Bücherschiff betritt, hineinfühlen und dessen Persönlichkeit, Sorgen, Ängste, Wünsche und Empfindungen erkennen. Auf Basis seiner Gabe empfiehlt er dann seinen Kunden ein passendes Buch aus seiner literarischen Apotheke, das genau zur Situation des jeweiligen Kunden passt und für diesen wie Medizin wirken wird.

Jean Perdu ist nämlich der Überzeugung, dass Bücher Menschen heilen und trösten können, ähnlich wie Medizin. Dabei nimmt sich Jean Perdu der großen und kleinen kummervollen Gefühle seiner Kundschaft an: Sei es die temporäre schmerzhafte Sehnsucht, dass der Sommer schon wieder vorbei ist, die Melancholie, die Geborgenheit der eigenen Kindheit zu vermissen, oder die Wehmut, die sich einstellt, wenn man sich überlegt, was man alles aus seinem Leben hätte machen können, wäre man nur mutiger gewesen. Für all diese seelischen Zustände und Gefühle und für jeden Kunden hat Jean Perdu ein passendes Buch.

Doch während sich Jean Perdu hingebungsvoll um andere Menschen und deren Glück kümmert, ist er selbst zutiefst unglücklich und in seinem Inneren wie erstarrt. Denn vor über 20 Jahren hat er Manon, die Liebe seines Lebens verloren, die ihn vom einen auf den anderen Tag verlassen hat. Und seitdem ist die Welt von Jean Perdu stehen geblieben.

Die Geschichte selbst beginnt, als in dem Mehrfamilienhaus in der Rue Montagnard, in dem Jean Perdu wohnt, eine neue Mieterin einzieht. Dabei handelt es sich um die frisch getrennte Cathérine, die mehr oder weniger mittellos dasteht und sich momentan leider nicht mal Möbel leisten kann. Jean Perdu schenkt ihr daher einen Tisch, den er in seiner Wohnung übrig hat. In einer Schublade dieses gespendeten Tischs entdeckt Cathérine dann aber einen alten Brief von Manon, den sich Jean Perdu all die Jahre nie getraut hat, zu lesen. Obwohl es ihn all seinen Mut kostet, liest Jean Perdu dann doch schließlich diesen Brief und wird -nochmals- in seinen Grundfesten erschüttert.

Daraufhin beschließt Jean Perdu am nächsten Tag aus einem Impuls heraus, die Leinen seines Bücherschiffes (das übrigens „Lulu“ heißt) loszumachen und sich auf eine Reise in Richtung der Provence zu begeben, wo Manon herkommt. Dabei springt der junge Schriftsteller Max Jordan noch in letzter Minute an Bord – denn er möchte vor seinem wartenden Verlag und seiner bohrenden Schreibblockade davonlaufen.

Auf ihrer Reise entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine herzerwärmende Vater-Sohn-Freundschaft, die mir unheimlich gut gefallen hat. Des Weiteren steigen auf ihrer Reise über die Flüsse und Kanäle Frankreichs immer wieder Menschen zu und irgendwann wieder aus und es geschehen die unterschiedlichsten Dinge: Jean Perdu und seine eigentümliche Mannschaft retten Leben, tanzen Tango, begegnen dem Tod, finden das Leben, kommen einem literarischen Geheimnis auf die Spur und suchen nach sich selbst (bzw. nach dem Teil in ihrem Inneren, der verloren gegangen ist).

Dabei ist diese Reise, die Jean Perdu macht, eine wunderschöne Metapher für den Heilungsprozess, den er durchmacht und der auch noch nicht ganz endet, als er an seinem Ziel, der Provence, schließlich ankommt.

SCHREIBSTIL UND SPRACHE

Ich muss wirklich sagen, dass ich selten einen schöneren, poetischeren und bildgewaltigeren Schreibstil als den von Nina George gelesen habe. Im Laufe dieses Buches hat es die Autorin wirklich geschafft, mich mit ihrer feinsinnigen Sprache, ihren Beobachtungen und ihren traumhaften Formulierungen wirklich zu verzaubern und aus den Socken zu hauen. Dabei erschafft Nina George so dermaßen greifbare Bilder, dass ihre Beschreibungen oft erscheinen, als wären diese plastischer als die Realität. Allein ihr unfassbar schöner, zauberhafter Schreibstil wäre Grund genug, dieses Buch zu lesen, wie ich fand. Obwohl ich persönlich die Provence irgendwie nie als mögliches Urlaubsziel so wirklich auf dem Schirm hatte (keine Ahnung, warum), muss ich gestehen, dass ich allein aufgrund Nina Georges Schreibstil am liebsten sofort die Koffer packen und mich auf den Weg in die Provence machen würde. Vielleicht ja im nächsten Jahr, wer weiß?! 🙂

PROTAGONIST UND FIGUREN

Ich finde, dass Nina George sehr liebenswerte Charaktere erschaffen kann. Zumindest bei den männlichen Figuren ist es ihr wirklich gelungen, dass ich so gut wie alle männlichen Figuren unheimlich sympathisch fand und diese schnell ins Herz geschlossen habe. Besonders die Männerfreundschaft zwischen Jean Perdu, Max Jordan und dem italienischen Tausendsassa namens Cuneo fand ich unheimlich gelungen und herzerwärmend. Leider ging es mir bei den weiblichen Charakteren an dieser Stelle nicht so. Doch dazu erzähle ich gleich noch mehr.

Ich habe ja schon kurz erwähnt, dass Jean Perdus Reise wie eine Art Metapher für seinen Heilungsprozess verstanden werden kann. Dabei finde ich, dass Nina George diesen Heilungsprozess, in dem Jean Perdu langsam zurück ins Leben findet und wieder ganz neu lernt, das Leben wahrzunehmen und zu genießen, ziemlich realistisch gestaltet. Denn ich finde, dass es in vielen Geschichten oft so dargestellt wird, als sei ein Trauerprozess oder eine Depression oder dergleichen etwas, das durch einen linearen Heilungsprozess wieder vergeht und hinter sich gelassen wird. Aber in der Realität ist das nicht der Fall. In der Realität sehen solche Heilungsprozesse eher aus wie Sinuskurven (oder Kurven allgemein), in denen es mal bessere Tage gibt und mal schlechtere. Da folgen auf Momente, in denen man wieder Hoffnung auf Besserung schöpft, wieder Momente, in denen alles schlimmer als je zuvor erscheint und man meint, man würde nur Rückschritte machen. Und oft merkt man am Ende erst aus der Rückschau heraus, dass im Optimalfall doch die positiven Momente langsam aber sicher immer mehr geworden sind. Und so ist es auch bei Jean Perdu: Wir begleiten ihn wirklich auf seinem gesamten Weg, als er sein Leben betrauert, das er ohne Manon führen musste und muss. Dabei schöpft er Hoffnung und erlebt schöne Momente – aber er erlebt auch Rückschläge, aus denen er sich immer wieder tapfer herauskämpft. Diesen Prozess zu beschreiben ist Nina George wirklich auf großartige Art und Weise gelungen

KRITIK

Obwohl mir das Buch größtenteils wirklich sehr gut gefallen hat, gibt es leider auch einige Punkte, die ich nicht mochte und gerne noch ansprechen würde (By the way: Ich habe auf Youtube im Nachgang zu meiner Lektüre noch einige Interviews mit Nina George gesehen und finde sie wirklich unheimlich sympathisch. Daher fällt es mir umso schwerer, hier nun Kritik zu üben. Aber wat mutt, dat mutt, wie man ja so schön sagt 😉 )

Zunächst muss ich sagen, dass es (insbesondere in der ersten Buchhälfte) einige Szenen gab, die ich irgendwie total unrealistisch, wenn nicht sogar surreal fand. Um ein Beispiel zu geben: Jean, Max und Cuneo schippern die Kanäle entlang und wollen eine Familie besuchen, mit der Cuneo befreundet ist. Sie betreten den Garten der Familie vom Fluss aus (sozusagen von hinten und eben nicht durch den Haupteingang) und überraschen die befreundete Familie sozusagen. Dort sehen sie im Garten die dreißigjährige Tochter der Familie, die leider an Brustkrebs leidet und vor einer Staffelei steht und eine Person malt. Dabei ist sie (aus welchem Grunde auch immer) splitterfasernackt. Ihre Eltern kommen in den Garten (ohne sich über die Nacktheit ihrer dreißigjährigen Tochter auch nur zu wundern) und laden Cuneo und seine Begleiter zum Abendessen ein. Während Cuneo mit den Gastgebern in der Küche verschwindet und das Abendessen mit diesen zubereitet, setzt sich Jean Perdu unter einen Baum und beobachtet den Garten. Der junge Autor Max spielt unterdessen für die nackte Tochter im Garten Klavier (auch die Frage: Was macht ein Klavier im Garten? Aber egal.), bis diese irgendwann anfangen, herumzuknutschen und dann im Zimmer der Tochter verschwinden um sich dort zu vergnügen. All dies passiert und ist schon erledigt, bis wenig später dann das Abendessen aufgetischt wird und alle einträchtig miteinander essen (und niemand wundert sich über irgendwas!). Natürlich handelt es sich hierbei um Literatur und somit eine erdachte Szene. Aber nichtsdestotrotz fand ich den gesamten Ablauf dieses späten Nachmittags/ frühen Abends SO merkwürdig und surreal (wenn man sich das mal ganz praktisch versucht, vorzustellen), dass ich nur den Kopf schütteln konnte, da ich leider nicht verstehen konnte, was das alles sollte. Szenen wie diese hätten (zumindest in der ersten Hälfte) fast dafür gesorgt, dass ich das Buch weggelegt hätte. Ich nehme an, dass ich dazu vielleicht einfach zu sehr „mainstream“ und zu wenig typische „Feuilleton-Leserin“ bin – wer weiß. 🙂 Zum Glück habe ich jedenfalls aber durchgehalten und das Buch bis zu Ende gelesen, wo es mir dann zunehmend immer besser gefiel.

Ein weiterer Aspekt, den ich gerne ansprechen möchte, ist die Tatsache, dass ich die wichtigste weibliche Figur, nämlich Jean Perdus verlorene, große Liebe Manon, leider absolut nicht mochte. Und Leute, es tut mir leid, aber ich befürchte, dass ich mir hier nun im Rahmen einer kleinen Schimpftirade Luft machen muss (sorry dafür! 😉 ): Manon wird beschrieben als eine ungestüme, unangepasste, leidenschaftliche und naturverbundene junge Frau, die schier endlos lebenshungrig und wie eine Naturgewalt zu sein scheint. Dabei kann sie manchmal ziemlich melodramatisch werden. Nichtsdestotrotz verliebt sich Jean Perdu zwanzig Jahre vor dem Beginn dieser Geschichte rettungslos in die Provenzalin Manon mit ihrem unangepassten Lebenshunger und ihrer fast animalischen Art, zu lieben.

Jedoch sieht sich Manon außerstande, nur einen einzigen Mann zu lieben. Obwohl sie daheim, in der Provence bereits mit Luc verlobt ist, lernt sie Jean auf einer Reise nach Paris kennen und beginnt ganz bewusst eine Affäre mit ihm. Überhaupt scheint die Reise nach Paris für sie auch bewusst unter anderem stattzufinden, weil sie männertechnisch trotz ihrer Verlobung noch mehr erleben möchte und ihr Zukünftiger Luc scheint dies auch genau zu wissen. Die Antwort auf die Frage, wie Jean und Luc zu Manons Art zu lieben stehen, ist hier nicht ganz einfach zu beantworten (und dazu komme ich gleich noch). Denn: Obwohl Jean nur schwer damit zurecht zu kommen scheint, immer nur der „Affärenmann“ an Manons Seite zu sein und sie teilen zu müssen, akzeptiert er ihren Wunsch, Luc (oder auch andere Männer?) zu lieben. Luc scheint dies auch zu akzeptieren, obwohl auch er nicht immer gut damit umgehen kann. Die emotionalen Zweifel ihrer Männer scheinen Manon aber nicht davon abzubringen, ihr Ding durchzuziehen. Und genau hier kommen wir an den Punkt, der mich so sehr an Manon gestört hat: Während Manon für Jean (und wohl auch für Luc) die einzig große, wahre Liebe, die Luft zum Atmen und der Ursprung all ihres Lebenswillens ist, scheinen Manon ihre Männer nicht gleichermaßen wichtig zu sein. Auch, wenn sie ihre Gefühle beispielsweise Jean gegenüber auch als „große Liebe“ bezeichnet, wirkt es auf mich doch viel eher, als würde sie einfach nur ihre Bedürfnisse an ihm befriedigen. Generell kam bei mir eher der Eindruck auf, als „konsumiere“ Manon ihre beiden Männer (und vor allem Jean) eher, als dass sie sie lieben würde. Und egal, wie sehr sich Nina George auch bemüht hat, mir als Leserin zu verdeutlichen, dass Manon einfach nur unkonventionell und dennoch tiefgründig liebt, konnte ich ihr dies einfach nicht abkaufen. Denn: Manon sieht immer in erster Linie IHRE Bedürfnisse und vor allem das, was SIE gerade will. Und auch, wenn Manon in ihrem Reisetagebuch zwar darüber reflektiert, dass sie sich selbst Vorwürfe darüber macht, dass sie es einfach nicht schafft „bescheiden“ zu sein, wie sie es ausdrückt, lässt sie diesen kritischen Selbstreflexionen aber keine Taten folgen. Und obwohl sie sowohl Jean als auch Luc damit in eine emotional schwierige Lage bringt, beharrt sie dennoch auf ihrem Bedürfnis, unbedingt beide zu wollen.

An dieser Stelle möchte ich unbedingt sagen, dass es mir bei meiner Kritik nicht um den moralischen Zeigefinger vonwegen „Sowas tut doch eine Frau nicht, pfui!“ geht. Überhaupt nicht. Von mir aus sollte jeder Mensch (egal ob Frau oder Mann) so leben dürfen, wie sie oder er es für richtig hält. Allerdings sollte man mit dieser Art zu leben und zu lieben niemand anderen verletzen oder in emotional schwierige Lagen bringen. Auch die Tatsache, dass Nina George mit ihrer Figur Manon an grundsätzlichen Erwartungshaltungen an die gesellschaftliche Rolle der Frau rüttelt und den Leser dazu zwingt, diese kognitive Dissonanz auszuhalten, ist für mich überhaupt nicht das Problem. Mein Problem ist viel eher Manons Rücksichtslosigkeit, die sie für mich manchmal eher wie ein erwachsenes Kind wirken lässt, denn wie die erwachsene und achso-tiefgründige und einfach nur „unbescheidene“ und lebenshungrige Frau, als die sie wohl eigentlich gemeint war. Denn obwohl sie entweder genau weiß (oder auch spürt), dass ihre beiden Männer emotionale Schwierigkeiten damit haben und sie dennoch aus Liebe gewähren lassen, zieht sie ihr Ding durch, komme, was da wolle. Zudem ging mir ihre zeitweilige Melodramatik und manipulative Art manchmal tierisch auf den Geist. Als sie von einer Begebenheit berichtet, als Jean es einfach nicht hinbekommt, emotional und leidenschaftlich mit ihr Tango zu tanzen, notiert sie in ihr Tagebuch: „Meine Verzweiflung war grenzenlos – Wenn ich mit ihm nicht tanzen konnte – was dann?“ Und als ich das gelesen habe, wollte ich das Buch am liebsten an die Wand klatschen. Denn: Jean ist ein emotional zugewandter, gefühlvoller Mann, der Manon sein Herz uneingeschränkt zu Füßen legt und sie hingebungsvoll liebt und alles für sie tun würde. Aber wenn er sich mal erlaubt, sich beim Tanzen nicht in emotional-leidenschaftlicher Manier den Tangorhythmen hinzugeben und sich eher seinem etas schüchtern-verkopften Naturell gemäß verhält, dann zweifelt Manon sofort alles an, was die Beziehung der beiden angeht. Sie scheint gar nicht zu schätzen, was für ein großartiger Mensch Jean ist – für sie zählt eher, welche tiefgreifenden Momente und Grenzerfahrungen sie mit ihm erleben und wie sie ihr Bedürfnis nach Leidenschaft erfüllen kann. Jeans Bedürfnisse sind hier bestenfalls nur untergeordnet. An dieser Stelle des Buches war ich so wütend auf Manon (und irgendwie auch darauf, wie sich diese ganze Szene aufgelöst hat, da Manon Jean nur lange genug bearbeitet, bis er so emotional tanzt, wie sie es von Anfang an haben wollte. Was mich hier stört: Irgendwie ist das ganze Buch immer darauf ausgelegt, alles, was Manon tut -egal, wie fragwürdig oder manipulativ es vielleicht auch sein mag- so aufzulösen, dass Manon irgendwie positiv dasteht und halt einfach nur als leidenschaftliche Naturgewalt gesehen werden soll. Die Tangoszene wurde aufgelöst, als hätte Manon ihren Geliebten Jean von seinen verkopften Schüchternheitsfesseln und seiner ablehnenswerten Überangepasstheit befreit und ihm die leidenschaftliche Welt des Tangos eröffnet. Auf mich wirkte das aber viel eher so, als hätte er einmal eben nicht ihrer Vorstellung entsprochen und dann traktiert sie ihn einfach so lange, bis er (ergeben wie er ihr nunmal ist) alles tut, was sie will, nur, damit sie ihn weiterhin „liebt“. Diese Betrachtung mag wirklich nur an meiner Lesart liegen und andere Menschen mögen diese Szene ganz anders bewerten. Mich hat diese Szene leider einfach nur wütend gemacht.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, bei denen ich wieder und wieder gemerkt habe, dass Manon als Charakter der Geschichte nicht für mich passt. Da aber sicher niemand diese unendlich langen Schimpftiraden lesen mag, belasse ich es einfach mal hierbei.

Vielleicht fragt ihr euch nun: Kann man das Buch auch dann in seiner Gesamtheit mögen, wenn man mit Manon als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte nichts anfangen kann? Ja. Absolut.

FAZIT

Im Großen und Ganzen hat mir „Das Lavendelzimmer“ von Nina George recht gut gefallen. Besonders Nina Georges wunderschöner, poetischer, bildgewaltiger Schreibstil und ihr besonderes Talent für Beschreibungen sind alleine schon Grund genug, den Hut vor ihr zu ziehen. Insbesondere ihre einmalige, wunderschöne Sprache scheint für mich auch ein ganz wesentlicher Grund dafür zu sein, dass dieses Buch so durch die Decke gegangen ist. Auch mit Jean Perdu, dem Protagonisten, lebt das Buch von einem unfassbar sympathischen Charakter, den man einfach ins Herz schließen muss. Während des gesamten Buches flicht Nina George auch immer wieder unheimlich schöne Metaphern ein, die sie vor der großartigen und beeindruckenden Kulisse der Provence erstehen lässt. Auch die zahlreichen Momente emotionaler Tiefe (ganz besonders am Ende der Geschichte), konnten mich berühren und haben mich echt erreicht. Und auch, wenn ich mir wirklich vorstellen könnte, dass man das Buch insgesamt besser finden wird, wenn man auch einen Zugang zur Figur von Manon findet, kann man es auch dann wirklich sehr mögen, wenn dies nicht der Fall ist.

Falls ihr Lust auf einen sprachlich unfassbar schön geschriebenen Roman bekommen habt, der euch in die Provence entführen und euch dabei so gefangen nehmen wird, als wäret ihr wirklich dort und ihr auch Lust auf vielschichtige Charaktere habt, dann sei euch „Das Lavendelzimmer“ von Nina George empfohlen.

So ihr Lieben, das war es auch schon wieder mit meinem Lesemonat August. Ich hoffe sehr, dass ihr ein bisschen Spaß beim Lesen hattet und vielleicht war ja wieder Lese-Inspiration für euch dabei.

Und vielleicht kennt ihr eines oder mehrere der Bücher ja schon. Wenn ja, wie fandet ihr sie? Ich bin sehr gespannt, eure Meinungen in den Kommentaren zu lesen. 🙂

Und wenn ihr Lust habt, dann lade ich euch auch sehr herzlich dazu ein, mal in meinen Podcast „Seitengeraschel“ reinzuhören. Ihr findet ihn auf Spotify, iTunes, Podimo und überall, wo es Podcasts gibt. 🙂

Bis bald und alles Liebe,

Christina

„Alias Grace“ von Margaret Atwood – ein stimmungs- und anspruchsvolles Buch

Hallo ihr Lieben,

da ich vor wenigen Tagen „Alias Grace“ von Margaret Atwood fertig gelesen habe und das Buch mich doch sehr zum Nachdenken angeregt hat, dachte ich mir, ich stelle es euch mal „außerhalb der Reihe“ vor. Irgendwie hört man, wenn es um die kanadische Autorin Margaret Atwood geht, immer sehr viel über ihr Meisterwek „The Handmaid’s Tale“ (deutscher Titel: „Der Report der Magd“), das euch auch ganz bestimmt ein Begriff ist. Dabei habe ich den Eindruck, dass über ihre anderen Bücher, wie zum Beispiel „Alias Grace“ doch eher wenig gesprochen wird. Dies finde ich irgendwie schade, da dieses Buch wirklich einfach großartig ist. Daher möchte ich euch in diesem Beitrag dieses wundervolle Buch im Detail vorstellen. Dabei versuche ich selbstverständlich wie immer, so spoilerfrei wie nur irgendmöglich zu berichten. 🙂

Cover: „Alias Grace“ von Margaret Atwood, PIPER-Verlag

INHALT

Der Roman basiert auf einem Kriminalfall, der Mitte des 19. Jahrhunderts ganz Kanada erschüttert und in der Bevölkerung für Bestürzung gesorgt hat.

Dabei erzählt der Roman, der auch in Kanada spielt, die Geschichte des irisch-kanadischen Dienstmädchens Grace Marks, die im Jahre 1843 des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern beschuldigt wird. Ihr wird dabei folgendes zur Last gelegt: Nachdem die sechzehnjährige Grace (die im Übrigen eine außergewöhnlich hübsche, intelligente und charismatische junge Frau ist) als Dienstmädchen für den wohlhabenden Gentleman Mr. Thomas Kinnear in Richmond Hill, Ontario gearbeitet hat, soll sie einen grausamen Entschluss gefasst haben. Sie stiftet den Stallburschen James McDermott dazu an, ihr dabei zu helfen, ihren Dienstherren, Thomas Kinnear und dessen Haushälterin Nancy Montgomery bestialisch zu töten. So sagt zumindest der Stallbursche James McDermott später vor Gericht aus. Er belastet Grace schwer und behauptet zudem, Grace sei in ihren Vorgesetzten Thomas Kinnear verliebt gewesen und hätte ihn aus enttäuschter Liebe umbringen wollen. Da es zudem in Richmond Hill, der kanadischen Kleinstadt, wo sich der Doppelmord ereignet, ein offenes Geheimnis war, dass Thomas Kinnear als Hausherr und Gentleman eine Affäre mit seiner Haushälterin, Nancy Montgomery hatte, beschließt Grace angeblich aus Neid auf die hübsche, ledige Haushälterin, diese auch zu töten.

Der Stallbursche, James McDermott sagt vor Gericht aus, die schöne und berechnende Grace habe ihn dazu verführt und angestiftet, den Doppelmord an Mr. Kinnear und Nancy Montgomery zu begehen. Sie sei zutiefst durchtrieben, böse und sexuell verderbt und er hätte sich ihrer Avancen und Verführungskünste nicht erwehren können, sodass ihm gar keine andere Wahl geblieben wäre, als diesen Doppelmord zu begehen. Und das tut er dann auch: So verletzt er Nancy Montgomery zunächst mit einer Axt aufs Schwerste und erschießt Mr Kinnear, während Grace schließlich Nancy noch mit ihrem Halstuch erdrosselt und beide dann die Leichen ihrer beiden Vorgesetzten im Keller entsorgen. Grace und James plündern sodann noch Wertsachen und Kleidung und fliehen über den Ontariosee in die USA. Doch die beiden kommen nicht weit. Denn schon einen Tag später werden sie in einem Hotel verhaftet. Sofort stürzt sich die Presse auf Grace, die zur Anstifterin und Mörderin und zutiefst heimtückischen und verdorbenen Ikone des Bösen stilisiert wird.

Am Ende des Prozesses werden James McDermott und Grace Marks beide zum Tode verurteilt. Während McDermotts Todesurteil ziemlich bald vollstreckt wird, wird Graces Urteil jedoch in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt, die sie sodann im Gefängnis in Toronto zu verbüßen hat.

Grace sagt aus, dass sie sich an die entscheidenden Szenen des Mordes an Thomas Kinnear und Nancy Montgomery nicht erinnern kann: Sie berichtet von Erinnerungslücken und sagt, dass ihr ganze Teile dieser Nacht in ihrer Erinnerung fehlen würden. Ihr glaubt aber selbstverständlich niemand. Zudem entwickelt Grace während der ersten Jahre ihrer Haftstrafe zunehmend starke Anfälle von sogenannter „Hysterie“, wie man es damals bezeichnete. Sie erleidet Zusammenbrüche, Ohnmachtsanfälle oder Episoden, in denen sie hysterisch wird, schreit und sich panisch gegen ihr Umfeld zur Wehr setzt. Nachdem sie in die Irrenanstalt verbracht wird, ist sie nach einiger Zeit wieder so hergestellt, dass sie zurück ins Gefängnis gebracht werden kann. Dort darf sie dann untertags sogar im Haus des Gefängnisdirektors als Dienstmädchen arbeiten, während sie abends zurück ins Gefängnis gebracht wird. Diese Praxis, sich Strafgefangene für handwerkliche Tätigkeiten aus dem Gefängnis „auszuleihen“, war in Nordamerika im 18. Jahrhundert durchaus üblich.

Unter anderem auch deshalb, weil der Fall um Grace Marks große Wellen geschlagen hat (und weil sie wiegesagt eine charismatische und außergewöhnlich schöne junge Frau ist, wie die Bevölkerung immer wieder munkelt und lästert), gibt es immer wieder Bestrebungen, eine Begnadigung für Grace zu erwirken um ihr die lebenslängliche Haftstrafe zu erlassen. Hier ist vor allem ein Pfarrer, namens Enoch Verringer, sehr aktiv. Dieser versucht, eine ebensolche Begnadigung für Grace zu erlangen. Dabei holt sich dieser Pfarrer einige Unterstützung aus der höheren, kanadischen Gesellschaft und stellt immer wieder Gesuche an die Behörden.

Schließlich tritt ein junger, amerikanischer Arzt auf den Plan. Dr. Simon Jordan ist vermutlich das, was wir heute als einen Psychiater bezeichnen würden. Er ist jung, und hat bereits halb Europa bereist und forscht leidenschaftlich an der Heilung psychischen Erkrankungen. Dabei gilt sein besonderes Interesse der Erforschung von gedanklichen Assoziationsketten, also Gedankengängen, die aufeinanderfolgen. So erhofft er sich, Amnesien bei psychisch erkrankten Patienten heilen zu können. Dieser Dr. Simon Jordan wird von Pfarrer Verringer beauftragt, Grace zu behandeln und ihre Erinnerungslücken zu „heilen“. Dies alles mit dem Ziel, dass Graces Unschuld doch bewiesen und sie endlich doch begnadigt werden kann.

Für den jungen Arzt Dr. Jordan kommt dies wie gerufen, da er sich erhofft, durch diesen prominenten Fall um Grace Marks zu Bekanntheit und Anerkennung als Arzt zu gelangen. Daher nimmt er sich gerne dieser Fallstudie an und trifft Grace ab sofort jeden Tag im Haus des Gefängnisdirektors, wo er sich mit ihr unterhält und herauszufinden versucht, was wirklich in der Nacht des Doppelmordes geschehen ist. Das kann man sich dann fast wie eine Art Psychotherapie vorstellen, wo sich Grace und Dr. Jordan einander gegenübersitzen und miteinander sprechen.

Dabei nimmt ein Großteil des Buches die Erzählung von Graces Lebensgeschichte ein, die sie Dr. Jordan erzählt. Die beiden vertiefen sich immer mehr in ihre täglichen Gespräche, die für beide immer wichtiger werden. Und schließlich geschieht das, was eigentlich niemals in einem solchen Fall passieren darf: Dr. Jordan verliebt sich in die wunderschöne und hochintelligente Grace (und keine Angst: Diese Information steht auf dem Klappentext des Buches, daher habe ich euch auch nicht gespoilert 🙂 ). Und über allem schwebt immer wieder die große Frage: Wer ist Grace wirklich? Ein unschuldiges Opfer ihrer Umstände? Eine falsch verdächtigte, unschuldige junge Frau oder doch eine durchtriebene und manipulative, kaltblütige Mörderin?

AUFBAU DES BUCHES

Soviel zum Inhalt. Ein Aspekt des Buches, der unglaublich spannend ist, ist die Erzählperspektive. Zum Großteil wird die Geschichte aus Graces Perspektive, in Form einer Ich-Erzählung berichtet. Dies tut sie meist in Form ihrer Erzählungen während ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan. Diese Erzählungen sind stilistisch meist sehr umgangssprachlich ausgestaltet und unheimlich gut an die Sprache einer jungen und eher wenig gebildeten Frau des 19. Jahrhunderts angepasst. Manchmal berichtet sie auch (außerhalb ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan) im weitesten Sinne dem Leser gegenüber, ohne einen direkten Adressaten zu haben. Zusätzlich zu Graces Perspektive gibt es aber auch noch einen auktorialen Erzähler, der im Präsens die Sicht von Dr. Jordan beschreibt. Auf diese Art und Weise erhält der Leser Einblick sowohl in die Gedanken und Erlebnisse von Grace, als auch in die von Dr. Jordan, was unheimlich spannend ist.

Zudem wird das Buch immer wieder durch authentische, originale Zeitungsartikel aus der zeitgenössischen kanadischen Presse, Gedichte und Liedtexte ergänzt, die dem Buch noch zusätzlich sehr viel Tiefe und Atmosphäre verleihen. So erfährt man, wie und was zur damaligen Zeit über Grace Marks geschrieben wurde, wie die öffentliche Meinung zu ihr stand und welcher Druck sich dadurch auch für Grace aufgebaut hat. Auch die Gedichte, die aus der Literatur im Allgemeinen kommen, erschaffen eine ganz eigene Atmosphäre, die unfassbar gut zur undurchsichtigen Düsternis und dem Mysterium rund um Grace passen.

Das Buch ist dabei in 15 Teile gegliedert, die jeweils recht ungewöhnliche Titel tragen, die zunächst irgendwie merkwürdig anmuten. Da gibt es Namen wie „Geheimfach“, „Jungmännertraum“, „Der Buchstabe X“, „Fallende Stämme“ oder „Der Paradiesbaum“. Zunächst konnte ich damit gar nichts anfangen. Irgendwann merkte ich aber, dass diese Namen Bezeichnungen von Stickmustern für kanadische Quilts sind. Bei Quilts handelt es sich um besondere, kanadische Steppdecken, die es überall in gehobenen Haushalten zu dieser Zeit gab und die mit ganz speziellen Mustern bestickt sind. Dabei gibt es eine Vielzahl an möglichen Mustern, die sehr aufwendig hergestellt werden und zu unterschiedlichen Stationen im Leben des Besitzers passen. So berichtet Grace zum Beispiel, dass sie, wenn sie jemals geheiratet hätte, sich selbst als frisch verheiratete Braut gerne einen Quilt mit dem Muster eines sogenannten „Paradiesbaums“ bestickt hätte. Und vielleicht fragt ihr euch jetzt: Und was soll das alles jetzt? Hier kommt die Antwort 😉 : Grace macht während ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan immerzu Handarbeiten. Dabei näht sie häufig solche Quilts für andere Menschen oder erzählt davon, wie sie in der Vergangenheit als Dienstmädchen solche Quilts genäht hat. Und dabei ist jedem Abschnitt ihrer Lebenserzählung in diesem Buch immer ein bestimmtes Quiltmuster zugeordnet, das irgendwie zu ihrer jeweiligen Lebenssituation passt. Ihre gesamte Lebensentwicklung wird so innerhalb des Buches gewissermaßen durch Quiltmuster dargestellt. Das fand ich eine unheimlich schöne und metaphorische Art und Weise, Graces Leben in einen Rahmen zu fassen.

ATMOSPHÄRE UND BEHANDELTE THEMEN

Schaut man sich das Nachwort von Margaret Atwood am Ende des Buches an, so erkennt man, wie unfassbar viel die Autorin für diesen Roman recherchiert hat. Und diesen Rechercheaufwand in Kombination mit Margaret Atwoods packendem Schreibstil spürt man auf jeder Seite dieses wunderbaren Buches.

Margaret Atwood, die ja einen Großteil ihrer Kindheit in der kanadischen Natur verbracht hat, weil ihr Vater Entomologe (also Insektenforscher) war und so jeden Sommer mit der Familie draußen verbracht hat, beweist eine unglaubliche Gabe, die unfassbar rauhe und unerbittle Natur Kanadas zu beschreiben. Zudem gelingt es ihr scheinbar mühelos, dass sich der Leser ins 19. Jahrhundert hineinkatapultiert fühlt. Dabei zeigt sie auch die damaligen gesellschaftlichen Strukturen auf und macht deutlich, wie bitterarm die allermeisten Menschen (so auch Grace) zu dieser Zeit waren. Dabei nennt sie unzählige kleine Alltagsdetails, die uns heutzutage in ihrer Härte und Unerbittlichkeit unglaublich vorkommen (wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, dann wisst ihr ja, dass ich genau sowas total liebe bei historischen Romanen!). Wir erfahren zum Beispiel, wie Grace mit ihrer Familie aus Irland nach Kanada übersiedelt ist, da Grace von ihrer sehr kurzen Kindheit erzählt. Ich weiß nicht, wie es euch dabei geht, aber wenn ich mir früher immer vorgestellt habe, wie die Einwanderer aus Europa in Nordamerika ankamen, da dachte ich mir nicht allzuviel dabei. Aber Margaret Atwood beschreibt auch hier so unglaublich packend, wie haarsträubend, unhygienisch und klaustrophobisch die Umstände auf solchen Schiffen waren. Allein beim Lesen, hat mich manchmal ein richtiger Ekel und Platzangst gepackt, die ich mir so nie hätte vorstellen können. Als dann auch für Grace noch während dieser Überfahrt ein traumatisches Ereignis geschieht, konnte ich als Leserin, die gemütlich auf der heimischen Couch saß, es selbst kaum erwarten, dass dieses Schiff bittebitte bald in Kanada ankommen möge. Und diese unfassbar plastische Schreibweise zieht sich durch das gesamte Buch: Egal, ob Margaret Atwood das Leben im Gefängnis, den Alltag eines bitterarmen Dienstmädchens oder das Schicksal und die gesellschaftliche Rolle der Frau im 19. Jahrhundert beschreibt und reflektiert: Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich erschüttert war und ungläubig den Kopf vor soviel Elend schütteln musste. Und auch den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts mit seinen spiritistischen Séancen der feineren Gesellschaft, der aufkeimenden psychologischen Forschung und der rigiden Gesellschaftsordnung und die allgegenwärtige, düstere und morbide Atmosphäre rund um den Doppelmord, hat die Autorin unfassbar toll eingefangen und so eine großartige und sehr stimmungsvolle Atmosphäre geschaffen. Hier hat mich Margaret Atwood einfach nur begeistert und aus den Socken gehauen.

DIE PSYCHOLOGIE ZWISCHEN DEN PROTAGONISTEN

Besonders hervorheben möchte ich gerne auch noch die Beziehung zwischen Grace und Dr. Jordan, die wirklich unfassbar spannend dargestellt wird. Dadurch, dass der Leser Einblicke sowohl in Graces Gedanken, als auch in die von Dr. Jordan erhält, spürt man sehr schnell ein sehr spannendes Geflecht: Dr. Jordan überlegt immer wieder, wie er Graces Amnesie durch seine psychologischen Methoden (die dem Kenntnisstand des 19.Jahrunderts entsprechen) auf den Grund gehen kann. Dabei spürt er, dass Grace ihm nicht immer alles erzählt und so wird die junge, attraktive Frau für ihn immer mehr zu einem einzigen großen Mysterium. Und wir lernen auch Graces Gedanken kennen und erfahren sozusagen aus erster Hand, dass Grace ihm wirklich oft nur das erzählt, was sie möchte. Und obwohl wir fast die ganze Zeit ganz nah an Grace und ihrer Gedankenwelt dran sind, schafft Margaret Atwood hier etwas Unglaubliches: Grace ist und bleibt ein Mysterium. Auch für den Leser. Da ist man wirklich hin- und hergerissen zwischen dem Eindruck, dass man als Leser wirklich glaubt, Grace mittlerweile gut zu kennen und zu verstehen. Doch es scheint immer ein Teil zu bleiben, der im Dunkeln liegt, der einem irgendwie unheimlich ist und den man niemals ergründen wird. Ich finde dies eine herausragende schriftstellerische Leistung.

Aber auch Dr. Jordan, der zunehmend eine wirklich sehr verwirrende und emotional auslaugende Beziehung zu Grace entwickelt, ist ganz bestimmt kein typischer Retter in strahlender Rüstung, wie man ihn als jungen Arzt, der eine junge Frau retten will, vielleicht erwarten würde. Mit der Zeit flicht die Autorin immer mehr Ereignisse und Begebenheiten ein, die uns als Leser deutlich machen, dass Dr. Jordan vielleicht sogar selbst nicht mit der stabilsten psychischen Gesundheit gesegnet zu sein scheint.

Und dann bleibt da auch noch das Thema der Psychologie, das ich unbedingt auch noch ansprechen möchte. So wird in dem Buch die im 19. Jahrhundert immer stärker aufkeimende Forschung im Bereich der psychischen Erkrankungen deutlich und so auch die haarsträubenden Zustände in den Irrenanstalten der damaligen Zeit.

Dr. Jordan, der als für seine Zeit moderner und fortschrittlich denkender Wissenschaftler gesehen werden kann, hat beispielsweise auch eine Zeit im Pariser Krankenhaus Hôpital de la Salpêtrière gearbeitet, wo auch Sigmund Freud viele Jahre später tätig war. So prallen in dieser Geschichte altertümliche Meinungen über die Ursachen psychischer Erkrankungen auf die damalige, moderne Forschung und all dies wird dann noch durch Spiritismus ergänzt, der im 19. Jahrhundert total im Trend lag. Diese Mischung und auch diese Auseinandersetzung mit dem Wissen der damaligen Zeit, fand ich total spannend, da Dr. Jordan schließlich auch nur in dem Bezugsrahmen und auf Basis des Wissensstands arbeiten kann, den er zur damaligen Zeit eben zur Verfügung hat. Solltet ihr euch für diese Themen interessieren, werdet ihr diesen Roman definitiv lieben!

Abschließend zu diesem Thema möchte ich auch noch erwähnen, dass Margaret Atwood eine unfassbar intelligente psychologische Erklärung für die Geschehnisse rund um Grace anbietet. Während des Buches legt sie hier immer wieder hochinteressante Spuren, manchmal in Form von bloßen Andeutungen (und der Leser weiß dennoch ganz genau, was geschehen ist, auch, wenn es nie ganz ausgesprochen wird) oder auch in Form von Träumen, die so genial und düster beschrieben sind, dass man oft als Leser selbst nicht sagen kann, was Traum und was Realität ist. Einfach der Hammer!

KRITIK

Als einzigen Kritikpunkt an diesem Buch möchte ich gerne einräumen, dass das Buch doch stellenweise ziemlich langatmig werden kann. Dies ist insbesondere bei den Szenen der Fall, als Grace von manchen Teilen ihrer Vergangenheit als Dienstmädchen erzählt. Hier passt Margaret Atwood ihre Sprache, wenn die Sitzungen bei Dr. Jordan stattfinden, an einen umgangssprachlichen Plauderton an, der unfassbar gut zu Grace passt. Jedoch ist dies nicht immer ganz leserfreundlich, wie ich zugeben muss. Zudem beschreibt Margaret Atwood hier oftmals Details mit einer Akribie, die gelegentlich auch ziemlich anstrengend werden kann. Auf diese detailreichen Erzählungen, die in einen teilweise anstrengenden Erzählton gekleidet sind, sollte man sich defintiv einstellen. Doch das Durchhalten wird belohnt, versprochen!

FAZIT

„Alias Grace“ von Margaret Atwood ist für mich ein unfassbar atmosphärisches, stimmungsvolles und großartig erzähltes Buch, das so vielschichtig ist und so unglaublich viele (gesellschaftliche) Aspekte anspricht, dass keine Inhaltsangabe diesem Roman je gerecht werden könnte. Es ist nicht zuletzt ein historisch genaues Buch, das mit un Raffinesse ein Mysterium rund um Graces Geschichte aufbaut. Und mit all diesen bunten und übervollen Aspekten und Elementen, hat mich Margaret Atwood wirklich umgepustet.

Wenn ihr also mal Lust habt, ein wirklich stimmungsvolles, mysteriöses und aber auch anspruchsvolles Buch zu lesen, dann sei euch „Alias Grace“ von Margaret Atwood absolut empfohlen.

Der Roman ist bei PIPER erschienen und hat 613 Seiten.

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