Lesemonat August 2020

Nun haben für mich auch offiziell die Sommerferien beziehungsweise die Semesterferien begonnen (Yaaay!), das bedeutet, dass ich ab September hoffentlich wieder eher zum Lesen, Bloggen und Podcasten komme (ich hüpfe einmal bei diesem Gedanken). Ich hoffe, dass ihr den (Spät)sommer auch genießen könnt und dabei vielleicht ja auch wieder hier ein bisschen Leseinspiration finden könnt.

Ich habe diesen Monat ein Hörbuch gehört und drei Bücher beendet. Wie mir diese gefallen haben und was ich über die Bücher im Einzelnen so denke, verrate ich euch gerne im Folgenden. Und ja, es ist wieder mal ziiiiemlich lang geworden – dafür schonmal ein kleines Sorry! 😉 Trotzdem aber wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Lesen! 🙂

„Da waren’s nur noch zwei“ von Mel Wallis de Vries

Cover: „Da waren’s nur noch zwei“ von Mel Wallis de Vries

Das erste Buch, das im August als Hörbuch gehört und beendet habe, war „Da waren’s nur noch zwei“ von der niederländischen Autorin Mel Wallis de Vries. Dabei handelt es sich um einen Jugendbuch-Thriller. Wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, dann wisst ihr ja, dass ich dieses Genre total liebe und immer für einen guten Jugendbuch-Thriller zu haben bin. Was ich an diesen Büchern schätze ist, dass sie immer spannend und interessant sind, aber dass sie dabei nie zu blutig oder heftig sind. Wer also gerne Thriller lesen würde, aber nachts trotzdem immer noch ohne Probleme einschlafen können möchte, der könnte mit Jugendbuch-Thrillern sehr gut bedient sein.

INHALT

In „Da waren’s nur noch zwei“ geht es um die vier Teenager-Mädchen Abby, Pippa, Feline und Kim, die kurz vor Weihnachten den Beginn ihrer Ferien nutzen, um aus ihrer niederländischen Heimat Amsterdam für ein paar Tage in die Ardennen nach Belgien zu fahren. Dort wollen sie einige Tage in der luxuriösen Jagdhütte in den Bergen von Abbys Vater verbringen und ihr letztes Schuljahr mal richtig feiern.

Doch von Anfang an dieser Reise gibt es immer wieder Spannungen zwischen den Mädchen. Während die Gastgeberin Abby und die wunderschöne und ziemlich dominante Pippa schon gedanklich ihr Studium in Frankreich miteinander planen, fühlen sich Kim und Feline irgendwie ausgeschlossen und werden immer gereizter, da sie das Gefühl haben, dass Pippa immer über alle bestimmen muss.

Als Pippa dann für den nächsten Abend einige femde junge Männer zum Feiern in die Hütte der Mädels einlädt, gerät die Party bald irgendwie außer Kontrolle und ein Streit zwischen Kim und Abby völlig aus den Fugen. Und dann, mitten in der Nacht, verschwindet Kim plötzlich spurlos im Schnee. Auch, wenn die Mädels am nächsten Tag fieberhaft nach ihrer Freundin suchen, kommen sie aber nicht weit: Denn es schneit immer stärker, solange, bis der Strom ausfällt und die Hütte komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist. Und dann finden die Mädels die rätselhaften Fußspuren eines Fremden in ihrer Hütte…

AUFBAU DER GESCHICHTE

Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Inhalt nicht verraten. Zunächst einmal muss ich sagen, dass mir der Aufbau dieser Geschichte unfassbar gut gefallen hat: Sie wird aus den einzelnen Perspektiven der vier Mädels erzählt, die nacheinander in größeren Abschnitten zu Wort kommen und die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Im Hörbuch gab es hier vier wirklich großartige Sprecherinnen, die man als superbekannte Synchronstimmen auch aus Filmen und Serien kennt. Ich muss echt sagen, dass die grandiose schauspielerische Leistung dieser Leserinnen für mich wahrscheinlich der entscheidende Punkt war, der dafür gesorgt hat, dass ich die Geschichte so spannend fand. Auch der Schreibstil von Mel Wallis de Vries hat sehr gut zum Genre des Jugendbuch-Thrillers gepasst, wie ich fand: Eine recht einfache Sprache, die sich schnell weglesen lässt und aber dennoch super Spannung aufbaut.

Was mich sofort gefangen genommen hat, war der unfassbar großartige Anfang: Hier wird ein unglaublich düsteres, undurchsichtiges Szenario beschrieben, in dem man sofort eine beklemmende Angst spürt, auch wenn man, wie die Ich-Erzählerin keine Ahnung hat, was da gerade passiert. Alleine dieser Anfang war schon so gruselig und spannend, dass ich gar nicht anders konnte, als dranzubleiben und erfahren zu wollen, was da passiert ist. Und diese großartige Erzählweise, die eine richtige Beklemmung und Spannung und stellenweise auch Angst auslöst, macht Mel Wallis de Vries für mich echt zu einer tollen Jugendthriller-Autorin. Auch die Atmosphäre in der abgeschiedenen Berghütte, in der irgendwann der Strom ausfällt und die für die Außenwelt nicht mehr erreichbar ist, ist der Autorin so unfassbar großartig gelungen. Allein wegen des Aufbaus der Geschichte, der zu dieser Atmosphäre der Verzweiflung, Beklemmung und Ausweglosigkeit führt, wäre für mich Grund genug, dieses Buch zu feiern.

KRITIK

Ein einziger Kritikpunkt, den ich unbedingt äußern möchte, ist die Auflösung am Ende. Leider hat mir diese überhaupt nicht gefallen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich dieses Ende so nicht habe kommen sehen, fand ich es doch aber sehr unglaubwürdig und konstruiert. Dabei konnte ich weder das Motiv, noch die Vorgehensweise entsprechender Figuren nachvollziehen, noch glaubhaft finden. Da ich aber ein Buch, das an sich super geschrieben ist und nur kein tolles Ende hat, nicht an sich schlecht finden kann, ist „Da waren’s nur noch zwei“ immer noch ein tolles Buch für mich, das mich auf einfache Art und Weise super unterhalten hat. Ich werde mir ganz bestimmt auch noch weitere Bücher der Autorin anschauen. Und nebenbei: Ich könnte mir vorstellen, dass das Buch für ganz junge Teenager (also vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt) noch nicht geeignet ist, da doch einige Stellen darin vorkommen, die ich für diese Altersspanne ein bisschen heftig finde. Ich würde das Buch vielleicht ab 15 oder 16 empfehlen, es kann aber definitiv auch was für erwachsene Leser sein, wenn man grundsätzlich kein Problem mit Protagonisten hat, die eben selbst noch sejr jung sind.

Das Hörbuch kann ich euch absolut empfehlen. Es dauerte etwas mehr als 5 Stunden. Das Buch als Print-Ausgabe ist bei One erschienen und hat 288 Seiten.

„Alias Grace“ von Margaret Atwood

Cover: „Alias Grcae“ von Margaret Atwood

Als zweites Buch habe ich diesen Monat „Alias Grace“ von Margaret Atwood gelesen. Da mir dieses anspruchsvolle und unglaublich stimmungsvolle Buch sehr gut gefallen hat, habe ich einen extra Beitrag ganz speziell für dieses Buch vor einigen Tagen auf meinem Blog verfasst. Dort gehe ich ganz ausführlich und eingehend auf das Buch, den Schreibstil, die Figuren und die angesprochenen Themen ein. Daher werde ich mich hier recht kurz fassen. Falls ihr euch für das Buch im Detail interessiert, dann schaut euch sehr gerne meinen Blogbeitrag dazu an: (https://seiiitengeraschel.com/2020/08/23/alias-grace-von-margaret-atwood-ein-stimmungs-und-anspruchsvolles-buch/)

Ansonsten gebe ich euch hier nochmals eine kurze Zusammenfassung des INHALTS:

Im Kanada des mittleren, 19. Jahrhunderts, wird dem sechzehnjährigen Dienstmädchen Grace vorgeworfen, ihre beiden Arbeitgeber auf grausame Art und Weise umgebracht zu haben. Während sich die Presse der damaligen Zeit auf sie stürzt, wird die junge, hübsche und sehr intelligente Frau zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die sie im Gefängnis von Toronto verbüßen soll.

Die Jahre vergehen, doch es gibt immer wieder Bestrebungen verschiedener Interessensgruppen, um eine Begnadigung für Grace zu erwirken. Dafür will eine Gruppe der höheren Gesellschaft Graces Unschuld beweisen. Da sich Grace aber an die Einzelheiten der Tatnacht nicht erinnern kann und in der Vergangenheit im Gefängnis immer wieder Anfälle von „Hysterie“ gezeigt hat, soll ein junger Arzt beauftragt werden, um Grace zu helfen. Dieser junge Arzt, Dr. Simon Jordan, soll Grace durch eine Art „Gesprächstherapie“ dazu bringen, sich wieder an die Mordnacht zu erinnern und ein Gutachten erstellen, das Graces Unschuld schließlich untermauern und zu ihrer Freilassung führen soll.

Und so treffen sich Grace und Dr. Jordan täglich, um sich miteinander zu unterhalten. Jedoch passiert nach einiger Zeit genau das, was nicht geschehen soll: Und zwar verliebt sich Dr. Jordan prompt in die wunderschöne, charismatische Grace. Und über allem schwebt immer die Frage: Wer ist Grace wirklich? Eine unschuldige Frau, die für eine Tat büßt, die sie nie begangen hat? Oder ist sie doch eine durchtriebene und unberechenbare Mörderin?

ERZÄHLPERSPEKTIVE, STRUKTUR UND FIGUREN

Besonders spannend an dem Buch finde ich, dass es sowohl aus Graces Perspektive (in Form einer Ich-Erzählung während ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan), als auch aus der Sicht von Dr. Jordan als behandelndem Arzt geschrieben ist. Das bedeutet, dass man als Leser immer beide Perspektiven sieht und Einblick in beide Seiten erhält und dabei erkennt, dass da eine sehr komplexe Beziehung zwischen den beiden ensteht. Zudem merkt man mit der Zeit, dass Grace nicht immer alles erzählt, was sie weiß, sondern dass sie sich auch dafür entscheidet, die Dinge so zu erzählen (oder zu verschweigen), wie sie es für richtig hält. Und auch in Bezug auf Dr. Jordan merkt man schnell, dass dieser vielleicht selbst nicht unbedingt eine sehr stabile und widerstandsfähige Psyche hat.

Die Geschichte ist dabei in 15 Teile gegliedert, die gewissermaßen auch eine Art Metapher für Graces Lebensentwicklung darstellen. Solltet ihr euch dafür näher interessieren, dann schaut sehr gerne auf dem detaillierten Blogeintrag zum Thema vorbei. 🙂

ANGESPROCHENE THEMEN, ERZÄHLSTIL UND ATMOSPHÄRE

Das Buch hat mir unter anderem auch deshalb so gut gefallen, weil es unfassbar viele, spannend erzählte Themen aus dem 19. Jahrhundert aufgreift. Dabei ist es ganz egal, ob Margaret Atwood die Lebenssituation in himmelschreiender Armut und Elend beschreibt, in der Grace aufwächst, ob sie über die Rolle der Frau, Auswanderung auf den nordamerikanischen Kontinent oder die aufkeimende psychologische Forschung im 19. Jahrhundert schreibt – das Buch ist immer von einer bildhaften, akribisch-detaillierten und sehr emotionalen Sprache getragen. Und nebenher erschafft Margaret Atwood hier eine Atmosphäre, die mysteriös, bedrückend und richtig düster ist. Diese Atmosphäre wird besonders deutlich, wenn die Protagonisten von Alpträumen heimgesucht werden, in denen die Realität manchmal so unfassbar gekonnt mit der Traumwelt verschwimmt und verwoben wird, dass man als Leser wirklich oft nicht sagen kann, was jetzt Traum und was Realität ist.

KRITIKPUNKT:

Als einzigen Kritikpunkt möchte ich anmerken, dass das Buch zwischendrin seine Längen hat. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass Graces Erzählungen bei Dr. Jordan auch im Plauderton eines Gesprächs geschrieben und damit sehr umgangssprachlich gehalten sind. Dieser Erzählton ist zwar super an Grace angepasst – leider aber nicht immer ganz lesefreundlich auf Dauer. Zudem beschreibt Margaret Atwood bestimmte Tätigkeiten aus Graces Arbeitsalltag als Hausmädchen mit einer solchen Akribie und so unfassbar viel Detail, dass ich mich hier doch durch manche Längen etwas durchkämpfen musste. ABER: Ich wurde absolut belohnt mit einer großartigen, stimmungs- und anspruchsvollen Geschichte, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Das Buch ist bei PIPER erschienen und hat 613 Seiten.

„Zu viel und nie genug: Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ von Mary L. Trump

Cover: „Zu viel und nie genug“

Auf dieses Buch war ich wirklich unfassbar gespannt! Ich hatte es mir vorbestellt und dann gleich am Erscheinungstag im Briefkasten. Das Buch hat auch schon in den USA für Furore gesorgt, da dessen Veröffentlichung eigentlich gestoppt werden sollte, am Ende dann aber ohne Erfolg. Und deshalb können wir es jetzt lesen.

Das Buch wurde von Mary Trump, der Nichte des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump geschrieben. Sie hat erzählt, dass sie dieses Buch geschrieben hat, weil sie beobachtet hat, dass Donald Trump im Rahmen seiner Politik und seiner Rolle als Präsident in seiner Regierung genau die gleichen Muster zu wiederholen scheint, wie sie schon im Familienalltag bei den Trumps gang und gäbe waren (wenn natürlich auch in größerem Umfang!). Sie erzählt, dass sie verhindern will, dass Donald Trump ein zweites Mal gewählt wird und somit die Zerstörung der amerikanischen Demokratie riskiert, wie Mary Trump schreibt. Sie schreibt, dass es Zeit geworden ist, dass jemand den Mund aufmacht und etwas gegen den aktuellen Präsident sagt und tut. Aus diesem Grund, so sagt sie, schrieb sie dieses Buch.

Ich war besonders gespannt, Mary Trumps Buch zu lesen, da mich ihre Perspektive nicht nur als Familienmitglied von Donald Trump, sondern in erster Linie ihre Sichtweise als klinische Psychologin unheimlich interessiert hat. Denn Mary Trump ist selbst promovierte klinische Psychologin und unterrichtet sogar auch Psychologie (wenn ich das richtig mitbekommen habe). Daher war ich umso gespannter zu lesen, wie sie auch aus einer fachlichen Perspektive die Verhaltensweisen ihres Onkels, die einen ja oft den Kopf schütteln lassen, einordnet.

Ich muss vorausschicken, dass ich beim Schreiben gemerkt habe, dass es wirklich keine einfache Aufgabe ist, den Inhalt dieses Buches zusammenzufassen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Zusammenhänge und Dynamiken innerhalb einer Familie (so wie Mary Trump eben hier ihre Familie beschreibt) nur sehr schwer wiederzugeben sind. Daher werde ich im Folgenden eher einzelne Aspekte lediglich herausgreifen und beschreiben, warum ich diese spannend/ interessant fand.

Mary Trump beginnt ihre Erzählung mit der Familiengeschichte der Trumps und fängt bei Donald Trumps Großvater an, der aus Deutschland in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte, um dort ein besseres Leben zu finden. Hier hält sie sich aber eher kurz auf und legt den Fokus auf den Vater Donald Trumps, auf Fred Trump. Dabei beschreibt Mary Trump sowohl den beruflichen Aufstieg Fred Trumps als erfolgreicher Bauunternehmer, als auch das familiäre Umfeld, in dem die fünf Kinder von Fred Trump und seiner Frau Mary Anne aufwuchsen. Dabei muss ich gestehen, dass ich teilweise richtiggehend erschüttert war von der Kälte und der Gefühlsarmut, die Donald Trump und seine Geschwister im Kindesalter schon erfahren mussten. Besonders hervorheben möchte ich hier, dass Mary Trump (obwohl manche Leser dies vielleicht bei einem „Abrechnungsbuch“ wie diesem nicht erwarten würden) Donald Trumps Kindheitsgeschichte mit unheimlich viel Empathie und Einfühlungsvermögen für den kleinen Kindheits-Donald erzählt und dabei sehr gekonnt aufzeigt, wie sich dieser eine Persönlichkeit aneignen musste, um in diesem Familienumfeld zu überleben. An viele Stellen wurde ich beim Lesen richtiggehend traurig – denn es war nicht leicht zu lesen, wie sehr Donald und seine Geschwister unter ihrem Elternhaus zu leiden hatten. Dabei ist nichts von alledem eine Entschuldigung für Donald Trumps Verhalten heute (schließlich ist er heute ja erwachsen und trägt Verantwortung, sowohl für sich selbst als auch für ein ganzes Land), aber nichtsdestotrotz ist eine Erklärung. Ich glaube, dass es bei solchen Fällen immer wichtig ist die Begriffe „Entschuldigung“ und „Erklärung“ zu unterscheiden. Und Mary Trump liefert keine Entschuldigungen, ganz im Gegenteil. Aber: Sie zeigt uns als Lesern viele Erklärungen auf.

Ein weiterer wesentlicher Teil dieses Buches ist auch der Lebensgeschichte von Mary Trumps Vater Freddy gewidmet, der leider am Druck, der Gefühlskälte und der unerreichbaren Erwartungshaltung seines Vaters zerbrochen ist. Dabei geht Mary Trump sowohl auf den Narzissmus ihres Großvaters ein, der wohl die wesentliche Ursache für die psychischen Probleme ihres Vaters Freddy waren, als auch auf die Qualen, die ihr Vater von Seiten Dondalds und damit seines eigenen Bruders hinnehmen musste. Besonders die Abschnitte des Buches, die von Mary Trumps Vater handeln, waren für mein Empfinden wirklich unendlich traurig und stellenweise richtiggehend grausam. Denn: Sie zeigten eine toxische Ungerechtigkeit auf, gegen die Freddy Trump immer versuchte, sich zu wehren. Da Freddy Trump der erstgeborene Sohn der Familie war, hätte eigentlich er seinen Vater Fred bei der Geschäftsführung des großen Bauunternehmens der Trumps unterstützen sollen – doch leider war Freddy kein „Killer“, wie sich sein Vater immer gewünscht hatte. Freddy war ein sensibler Mensch, der eher an Wissenschaft und Technik interessiert war, und nicht an den fragwürdigen Geschäftspraktiken seines Bauunternehmervaters Fred. Und so beschreibt Mary Trump auf eindringliche Weise, wie der Patriarch Fred Trump (und später auch sein Sohn Donald) dazu übergingen, Freddy mit narzisstischer Grausamkeit auszulöschen.

Donald Trump wiederum hatte während seiner Kind- und Jugendzeit mittlerweile gelernt, dass er am besten überlebte, wenn er sich mit einer Haltung frecher und aufsässiger Anmaßung, Verantwortungslosigkeit, Unangepasstheit, Raffinesse und Brutalität im Familienleben durchsetzte – diese Verhaltensweise eines „Killers“ gefiel seinem Vater – und so war es schließlich nicht Freddy, sondern Donald, der irgendwann in der Firma seines Vaters Fuß fasste.

Mary Trump erzählt nicht nur auf fesselnde und hochinteressante Art und Weise von der toxischen Familiendynamik und den dieser zugrundliegenden psychologischen Mechanismen, sie räumt auch mit einem Mythos auf: Nämlich dem, dass Donald Trump ein höchsterfolgreicher Geschäftsmann sei, der sich seinen Erfolg duch Geschick und Intelligenz erarbeitet hat. Denn: Mary Trump berichtet vom genauen Gegenteil: Nämlich davon, dass Donald eigentlich fast ausschließlich Misserfolge in der Firma verursacht hätte, jedoch hätte sein Vater all sein Scheitern vertuscht und wettgemacht und lieber zur Befeuerung eines übergroßen Mythos beigetragen: Nämlich, dass Donald der personifizierte Erfolg selbst sei. Mary Trump verweist hier auf konkrete Zahlen und beschreibt viele Projekte, bei denen Donald Trump eigentlich scheiterte, dies aber im Nachgang als größten Erfolg überhaupt verkaufte – und die Öffentlichkeit schien im dankbar zu glauben. Und wenn euch nun gewisse Parallelen zu seinem heutigen Verhalten als Präsident der USA auffallen, so ist dies sicher nicht zufällig. Denn genau dies ist wahrscheinlich Mary Trumps Kernbotschaft: Donald Trump hat in seiner Herkunftsfamilie gelernt, dass verantwortungslose Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit belohnt werden und dass immer andere Menschen für seine Fehler den Kopf hinhalten müssen, während er selbst unfähig ist, Verantwortung zu übernehmen. Und bislang hat diese Strategie (so unfassbar es auch anmuten mag) immer geklappt – sogar auch jetzt, wo er Präseident der Vereinigten Staaten ist. Um diesen Kreis zu durchbrechen, möchte Mary Trump mit ihrem Buch aufklären, wie sie sagt.

INTENTION DER AUTORIN?

Nun kann man sich natürlich fragen, mit welcher Intention Mary Trump dieses Buch geschrieben hat. Geht es ihr um Geld? Schließlich kann man davon ausgehen, dass ein solch brisantes Buch sicher eine Stange Geld einbringt (und schließlich wurde Mary Trump im Hinblick auf ihre Erbansprüche von der Familie Trump ausgebotet und betrogen). Oder geht es ihr um Rache? Denn Mary Trump wurde aus dem Familienkreis ausgeschlossen, als sie gegen die Trumps in ebenjenem Erbschaftsstreit vor Gericht zog. Zudem wurde ihr geliebter Vater Freddy vom Clan der Trumps mit außergewöhnlicher Kaltherzigkeit ausgeschlossen und schließlich ausgelöscht, als er an seiner Alkoholsucht und einer Herzerkrankung starb.

Um was geht es Mary Trump also? Ich glaube nicht, dass sie das Buch aus Rache- oder finanziellen Motiven geschrieben hat. Selbstverständlich merkt man ihr an, dass sie emotional ziemlich involviert ist in die Lebengeschichte ihrer Familie. Und man merkt ganz deutlich, dass es ihr mit diesem Buch nicht zuletzt darum geht, auch den Ruf ihres Vaters, der im Trump-Clan nie eine faire Chance gehabt hat, wiederherzustellen. Des Weiteren denke ich auch, dass sie wirklich den USA und der ganzen Welt aufzeigen möchte, wie der Präsident, Donald Trump, zu dem wurde, was er heute ist. Und: Dass man ihn genau deshalb nicht unterschätzen darf. Dabei kann ich mir gut vorstellen, dass sie einen starken Impuls gehabt haben muss, ihr Wissen und ihre Sicht auf die Dinge mit der Welt zu teilen: Ich stelle es mir irgendwie sehr „triggernd“ vor, den US-Präsidenten dabei zu beobachten, wie sich dysfunktionale Mechanismen um ihn herum im Staatsgeschäft genauso wiederholen, wie sie schon im heimischen, vertrauten Umfeld der Familie Trump stattgefunden haben. Und genau diese Parallele zeigt Mary Trump wirklich messerscharf auf.

Ich muss gestehen, dass ich mir noch mehr psychologische Inhalte und Betrachtungsweisen von Mary Trump auf ihren Onkel gewünscht hätte. Aber nichtsdestotrotz fand ich das Buch sehr erhellend und fesselnd geschrieben. Mit einem sehr angenehmen Schreibstil findet man sich sofort in der Familie Trump und in den letzten Jahrzehnten (bis heute) in den USA wieder und kann alles, was dort geschieht, unheimlich gut nachvollziehen und sich vorstellen. Und auch, wenn man Mary Trumps emotionale Beteiligung an der Thematik durchaus spürt, bleibt sie dennoch sehr sachlich, analytisch und reflektiert und zeigt Dinge aus ihrer Sicht auf.. Dies hat mir sehr gut gefallen. Es gelingt ihr wirklich, die Familienatmosphäre bei den Trumps mit all ihrer narzisstsichen Grausamkeit (die Donald sehr für sich übernommen zu haben scheint) aufzuzeigen, zu erklären und greifbar zu machen. Alles in allem ein fesselndes Buch, das den Leser so manches besser einordnen und verstehen lässt.

Das Buch ist bei Heyne erschienen und hat 276 Seiten.

„Das Lavendelzimmer“ von Nina George

Cover „Das Lavendelzimmer“

Der Roman „Das Lavendelzimmer“ von Nina George hat vor einigen Jahren ja einen riesigen Hype erfahren. Das lag wohl unter anderem auch daran, dass die Moderatorin Christine Westermann in ihrer Sendung im WDR über dieses Buch gesprochen hat und es dort hochgelobt hat. Daraufhin ging das Buch durch die Decke. Ich muss gestehen, dass damals (ich glaube, es war 2013) dieser Hype komplett an mir vorübergegangen ist. Ich bin durch ein Youtube-Video übers Bücherschreiben und die Verlagsarbeit auf dieses Buch aufmerksam geworden und wollte dann doch mal herausfinden, was es mit diesem Buch so auf sich hat und ob der Hype gerechtfertigt war (zumindest für mein Empfinden).

INHALT

Jean Perdu ist Buchhändler und lebt in Paris, wo er eine Buchhandlung der ganz besonderen Art betreibt, nämlich die „Pharmacie Littéraire“, seine Literarische Apotheke. Diese Buchhandlung befindet sich im Bauch eines alten Schiffes, das schon seit Jahrzehnten fix an den Ufern der Seine festgemacht liegt. Dabei hat Jean Perdu eine außergewöhnliche Gabe: Er kann sich in jeden seiner Kunden, der sein Bücherschiff betritt, hineinfühlen und dessen Persönlichkeit, Sorgen, Ängste, Wünsche und Empfindungen erkennen. Auf Basis seiner Gabe empfiehlt er dann seinen Kunden ein passendes Buch aus seiner literarischen Apotheke, das genau zur Situation des jeweiligen Kunden passt und für diesen wie Medizin wirken wird.

Jean Perdu ist nämlich der Überzeugung, dass Bücher Menschen heilen und trösten können, ähnlich wie Medizin. Dabei nimmt sich Jean Perdu der großen und kleinen kummervollen Gefühle seiner Kundschaft an: Sei es die temporäre schmerzhafte Sehnsucht, dass der Sommer schon wieder vorbei ist, die Melancholie, die Geborgenheit der eigenen Kindheit zu vermissen, oder die Wehmut, die sich einstellt, wenn man sich überlegt, was man alles aus seinem Leben hätte machen können, wäre man nur mutiger gewesen. Für all diese seelischen Zustände und Gefühle und für jeden Kunden hat Jean Perdu ein passendes Buch.

Doch während sich Jean Perdu hingebungsvoll um andere Menschen und deren Glück kümmert, ist er selbst zutiefst unglücklich und in seinem Inneren wie erstarrt. Denn vor über 20 Jahren hat er Manon, die Liebe seines Lebens verloren, die ihn vom einen auf den anderen Tag verlassen hat. Und seitdem ist die Welt von Jean Perdu stehen geblieben.

Die Geschichte selbst beginnt, als in dem Mehrfamilienhaus in der Rue Montagnard, in dem Jean Perdu wohnt, eine neue Mieterin einzieht. Dabei handelt es sich um die frisch getrennte Cathérine, die mehr oder weniger mittellos dasteht und sich momentan leider nicht mal Möbel leisten kann. Jean Perdu schenkt ihr daher einen Tisch, den er in seiner Wohnung übrig hat. In einer Schublade dieses gespendeten Tischs entdeckt Cathérine dann aber einen alten Brief von Manon, den sich Jean Perdu all die Jahre nie getraut hat, zu lesen. Obwohl es ihn all seinen Mut kostet, liest Jean Perdu dann doch schließlich diesen Brief und wird -nochmals- in seinen Grundfesten erschüttert.

Daraufhin beschließt Jean Perdu am nächsten Tag aus einem Impuls heraus, die Leinen seines Bücherschiffes (das übrigens „Lulu“ heißt) loszumachen und sich auf eine Reise in Richtung der Provence zu begeben, wo Manon herkommt. Dabei springt der junge Schriftsteller Max Jordan noch in letzter Minute an Bord – denn er möchte vor seinem wartenden Verlag und seiner bohrenden Schreibblockade davonlaufen.

Auf ihrer Reise entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine herzerwärmende Vater-Sohn-Freundschaft, die mir unheimlich gut gefallen hat. Des Weiteren steigen auf ihrer Reise über die Flüsse und Kanäle Frankreichs immer wieder Menschen zu und irgendwann wieder aus und es geschehen die unterschiedlichsten Dinge: Jean Perdu und seine eigentümliche Mannschaft retten Leben, tanzen Tango, begegnen dem Tod, finden das Leben, kommen einem literarischen Geheimnis auf die Spur und suchen nach sich selbst (bzw. nach dem Teil in ihrem Inneren, der verloren gegangen ist).

Dabei ist diese Reise, die Jean Perdu macht, eine wunderschöne Metapher für den Heilungsprozess, den er durchmacht und der auch noch nicht ganz endet, als er an seinem Ziel, der Provence, schließlich ankommt.

SCHREIBSTIL UND SPRACHE

Ich muss wirklich sagen, dass ich selten einen schöneren, poetischeren und bildgewaltigeren Schreibstil als den von Nina George gelesen habe. Im Laufe dieses Buches hat es die Autorin wirklich geschafft, mich mit ihrer feinsinnigen Sprache, ihren Beobachtungen und ihren traumhaften Formulierungen wirklich zu verzaubern und aus den Socken zu hauen. Dabei erschafft Nina George so dermaßen greifbare Bilder, dass ihre Beschreibungen oft erscheinen, als wären diese plastischer als die Realität. Allein ihr unfassbar schöner, zauberhafter Schreibstil wäre Grund genug, dieses Buch zu lesen, wie ich fand. Obwohl ich persönlich die Provence irgendwie nie als mögliches Urlaubsziel so wirklich auf dem Schirm hatte (keine Ahnung, warum), muss ich gestehen, dass ich allein aufgrund Nina Georges Schreibstil am liebsten sofort die Koffer packen und mich auf den Weg in die Provence machen würde. Vielleicht ja im nächsten Jahr, wer weiß?! 🙂

PROTAGONIST UND FIGUREN

Ich finde, dass Nina George sehr liebenswerte Charaktere erschaffen kann. Zumindest bei den männlichen Figuren ist es ihr wirklich gelungen, dass ich so gut wie alle männlichen Figuren unheimlich sympathisch fand und diese schnell ins Herz geschlossen habe. Besonders die Männerfreundschaft zwischen Jean Perdu, Max Jordan und dem italienischen Tausendsassa namens Cuneo fand ich unheimlich gelungen und herzerwärmend. Leider ging es mir bei den weiblichen Charakteren an dieser Stelle nicht so. Doch dazu erzähle ich gleich noch mehr.

Ich habe ja schon kurz erwähnt, dass Jean Perdus Reise wie eine Art Metapher für seinen Heilungsprozess verstanden werden kann. Dabei finde ich, dass Nina George diesen Heilungsprozess, in dem Jean Perdu langsam zurück ins Leben findet und wieder ganz neu lernt, das Leben wahrzunehmen und zu genießen, ziemlich realistisch gestaltet. Denn ich finde, dass es in vielen Geschichten oft so dargestellt wird, als sei ein Trauerprozess oder eine Depression oder dergleichen etwas, das durch einen linearen Heilungsprozess wieder vergeht und hinter sich gelassen wird. Aber in der Realität ist das nicht der Fall. In der Realität sehen solche Heilungsprozesse eher aus wie Sinuskurven (oder Kurven allgemein), in denen es mal bessere Tage gibt und mal schlechtere. Da folgen auf Momente, in denen man wieder Hoffnung auf Besserung schöpft, wieder Momente, in denen alles schlimmer als je zuvor erscheint und man meint, man würde nur Rückschritte machen. Und oft merkt man am Ende erst aus der Rückschau heraus, dass im Optimalfall doch die positiven Momente langsam aber sicher immer mehr geworden sind. Und so ist es auch bei Jean Perdu: Wir begleiten ihn wirklich auf seinem gesamten Weg, als er sein Leben betrauert, das er ohne Manon führen musste und muss. Dabei schöpft er Hoffnung und erlebt schöne Momente – aber er erlebt auch Rückschläge, aus denen er sich immer wieder tapfer herauskämpft. Diesen Prozess zu beschreiben ist Nina George wirklich auf großartige Art und Weise gelungen

KRITIK

Obwohl mir das Buch größtenteils wirklich sehr gut gefallen hat, gibt es leider auch einige Punkte, die ich nicht mochte und gerne noch ansprechen würde (By the way: Ich habe auf Youtube im Nachgang zu meiner Lektüre noch einige Interviews mit Nina George gesehen und finde sie wirklich unheimlich sympathisch. Daher fällt es mir umso schwerer, hier nun Kritik zu üben. Aber wat mutt, dat mutt, wie man ja so schön sagt 😉 )

Zunächst muss ich sagen, dass es (insbesondere in der ersten Buchhälfte) einige Szenen gab, die ich irgendwie total unrealistisch, wenn nicht sogar surreal fand. Um ein Beispiel zu geben: Jean, Max und Cuneo schippern die Kanäle entlang und wollen eine Familie besuchen, mit der Cuneo befreundet ist. Sie betreten den Garten der Familie vom Fluss aus (sozusagen von hinten und eben nicht durch den Haupteingang) und überraschen die befreundete Familie sozusagen. Dort sehen sie im Garten die dreißigjährige Tochter der Familie, die leider an Brustkrebs leidet und vor einer Staffelei steht und eine Person malt. Dabei ist sie (aus welchem Grunde auch immer) splitterfasernackt. Ihre Eltern kommen in den Garten (ohne sich über die Nacktheit ihrer dreißigjährigen Tochter auch nur zu wundern) und laden Cuneo und seine Begleiter zum Abendessen ein. Während Cuneo mit den Gastgebern in der Küche verschwindet und das Abendessen mit diesen zubereitet, setzt sich Jean Perdu unter einen Baum und beobachtet den Garten. Der junge Autor Max spielt unterdessen für die nackte Tochter im Garten Klavier (auch die Frage: Was macht ein Klavier im Garten? Aber egal.), bis diese irgendwann anfangen, herumzuknutschen und dann im Zimmer der Tochter verschwinden um sich dort zu vergnügen. All dies passiert und ist schon erledigt, bis wenig später dann das Abendessen aufgetischt wird und alle einträchtig miteinander essen (und niemand wundert sich über irgendwas!). Natürlich handelt es sich hierbei um Literatur und somit eine erdachte Szene. Aber nichtsdestotrotz fand ich den gesamten Ablauf dieses späten Nachmittags/ frühen Abends SO merkwürdig und surreal (wenn man sich das mal ganz praktisch versucht, vorzustellen), dass ich nur den Kopf schütteln konnte, da ich leider nicht verstehen konnte, was das alles sollte. Szenen wie diese hätten (zumindest in der ersten Hälfte) fast dafür gesorgt, dass ich das Buch weggelegt hätte. Ich nehme an, dass ich dazu vielleicht einfach zu sehr „mainstream“ und zu wenig typische „Feuilleton-Leserin“ bin – wer weiß. 🙂 Zum Glück habe ich jedenfalls aber durchgehalten und das Buch bis zu Ende gelesen, wo es mir dann zunehmend immer besser gefiel.

Ein weiterer Aspekt, den ich gerne ansprechen möchte, ist die Tatsache, dass ich die wichtigste weibliche Figur, nämlich Jean Perdus verlorene, große Liebe Manon, leider absolut nicht mochte. Und Leute, es tut mir leid, aber ich befürchte, dass ich mir hier nun im Rahmen einer kleinen Schimpftirade Luft machen muss (sorry dafür! 😉 ): Manon wird beschrieben als eine ungestüme, unangepasste, leidenschaftliche und naturverbundene junge Frau, die schier endlos lebenshungrig und wie eine Naturgewalt zu sein scheint. Dabei kann sie manchmal ziemlich melodramatisch werden. Nichtsdestotrotz verliebt sich Jean Perdu zwanzig Jahre vor dem Beginn dieser Geschichte rettungslos in die Provenzalin Manon mit ihrem unangepassten Lebenshunger und ihrer fast animalischen Art, zu lieben.

Jedoch sieht sich Manon außerstande, nur einen einzigen Mann zu lieben. Obwohl sie daheim, in der Provence bereits mit Luc verlobt ist, lernt sie Jean auf einer Reise nach Paris kennen und beginnt ganz bewusst eine Affäre mit ihm. Überhaupt scheint die Reise nach Paris für sie auch bewusst unter anderem stattzufinden, weil sie männertechnisch trotz ihrer Verlobung noch mehr erleben möchte und ihr Zukünftiger Luc scheint dies auch genau zu wissen. Die Antwort auf die Frage, wie Jean und Luc zu Manons Art zu lieben stehen, ist hier nicht ganz einfach zu beantworten (und dazu komme ich gleich noch). Denn: Obwohl Jean nur schwer damit zurecht zu kommen scheint, immer nur der „Affärenmann“ an Manons Seite zu sein und sie teilen zu müssen, akzeptiert er ihren Wunsch, Luc (oder auch andere Männer?) zu lieben. Luc scheint dies auch zu akzeptieren, obwohl auch er nicht immer gut damit umgehen kann. Die emotionalen Zweifel ihrer Männer scheinen Manon aber nicht davon abzubringen, ihr Ding durchzuziehen. Und genau hier kommen wir an den Punkt, der mich so sehr an Manon gestört hat: Während Manon für Jean (und wohl auch für Luc) die einzig große, wahre Liebe, die Luft zum Atmen und der Ursprung all ihres Lebenswillens ist, scheinen Manon ihre Männer nicht gleichermaßen wichtig zu sein. Auch, wenn sie ihre Gefühle beispielsweise Jean gegenüber auch als „große Liebe“ bezeichnet, wirkt es auf mich doch viel eher, als würde sie einfach nur ihre Bedürfnisse an ihm befriedigen. Generell kam bei mir eher der Eindruck auf, als „konsumiere“ Manon ihre beiden Männer (und vor allem Jean) eher, als dass sie sie lieben würde. Und egal, wie sehr sich Nina George auch bemüht hat, mir als Leserin zu verdeutlichen, dass Manon einfach nur unkonventionell und dennoch tiefgründig liebt, konnte ich ihr dies einfach nicht abkaufen. Denn: Manon sieht immer in erster Linie IHRE Bedürfnisse und vor allem das, was SIE gerade will. Und auch, wenn Manon in ihrem Reisetagebuch zwar darüber reflektiert, dass sie sich selbst Vorwürfe darüber macht, dass sie es einfach nicht schafft „bescheiden“ zu sein, wie sie es ausdrückt, lässt sie diesen kritischen Selbstreflexionen aber keine Taten folgen. Und obwohl sie sowohl Jean als auch Luc damit in eine emotional schwierige Lage bringt, beharrt sie dennoch auf ihrem Bedürfnis, unbedingt beide zu wollen.

An dieser Stelle möchte ich unbedingt sagen, dass es mir bei meiner Kritik nicht um den moralischen Zeigefinger vonwegen „Sowas tut doch eine Frau nicht, pfui!“ geht. Überhaupt nicht. Von mir aus sollte jeder Mensch (egal ob Frau oder Mann) so leben dürfen, wie sie oder er es für richtig hält. Allerdings sollte man mit dieser Art zu leben und zu lieben niemand anderen verletzen oder in emotional schwierige Lagen bringen. Auch die Tatsache, dass Nina George mit ihrer Figur Manon an grundsätzlichen Erwartungshaltungen an die gesellschaftliche Rolle der Frau rüttelt und den Leser dazu zwingt, diese kognitive Dissonanz auszuhalten, ist für mich überhaupt nicht das Problem. Mein Problem ist viel eher Manons Rücksichtslosigkeit, die sie für mich manchmal eher wie ein erwachsenes Kind wirken lässt, denn wie die erwachsene und achso-tiefgründige und einfach nur „unbescheidene“ und lebenshungrige Frau, als die sie wohl eigentlich gemeint war. Denn obwohl sie entweder genau weiß (oder auch spürt), dass ihre beiden Männer emotionale Schwierigkeiten damit haben und sie dennoch aus Liebe gewähren lassen, zieht sie ihr Ding durch, komme, was da wolle. Zudem ging mir ihre zeitweilige Melodramatik und manipulative Art manchmal tierisch auf den Geist. Als sie von einer Begebenheit berichtet, als Jean es einfach nicht hinbekommt, emotional und leidenschaftlich mit ihr Tango zu tanzen, notiert sie in ihr Tagebuch: „Meine Verzweiflung war grenzenlos – Wenn ich mit ihm nicht tanzen konnte – was dann?“ Und als ich das gelesen habe, wollte ich das Buch am liebsten an die Wand klatschen. Denn: Jean ist ein emotional zugewandter, gefühlvoller Mann, der Manon sein Herz uneingeschränkt zu Füßen legt und sie hingebungsvoll liebt und alles für sie tun würde. Aber wenn er sich mal erlaubt, sich beim Tanzen nicht in emotional-leidenschaftlicher Manier den Tangorhythmen hinzugeben und sich eher seinem etas schüchtern-verkopften Naturell gemäß verhält, dann zweifelt Manon sofort alles an, was die Beziehung der beiden angeht. Sie scheint gar nicht zu schätzen, was für ein großartiger Mensch Jean ist – für sie zählt eher, welche tiefgreifenden Momente und Grenzerfahrungen sie mit ihm erleben und wie sie ihr Bedürfnis nach Leidenschaft erfüllen kann. Jeans Bedürfnisse sind hier bestenfalls nur untergeordnet. An dieser Stelle des Buches war ich so wütend auf Manon (und irgendwie auch darauf, wie sich diese ganze Szene aufgelöst hat, da Manon Jean nur lange genug bearbeitet, bis er so emotional tanzt, wie sie es von Anfang an haben wollte. Was mich hier stört: Irgendwie ist das ganze Buch immer darauf ausgelegt, alles, was Manon tut -egal, wie fragwürdig oder manipulativ es vielleicht auch sein mag- so aufzulösen, dass Manon irgendwie positiv dasteht und halt einfach nur als leidenschaftliche Naturgewalt gesehen werden soll. Die Tangoszene wurde aufgelöst, als hätte Manon ihren Geliebten Jean von seinen verkopften Schüchternheitsfesseln und seiner ablehnenswerten Überangepasstheit befreit und ihm die leidenschaftliche Welt des Tangos eröffnet. Auf mich wirkte das aber viel eher so, als hätte er einmal eben nicht ihrer Vorstellung entsprochen und dann traktiert sie ihn einfach so lange, bis er (ergeben wie er ihr nunmal ist) alles tut, was sie will, nur, damit sie ihn weiterhin „liebt“. Diese Betrachtung mag wirklich nur an meiner Lesart liegen und andere Menschen mögen diese Szene ganz anders bewerten. Mich hat diese Szene leider einfach nur wütend gemacht.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, bei denen ich wieder und wieder gemerkt habe, dass Manon als Charakter der Geschichte nicht für mich passt. Da aber sicher niemand diese unendlich langen Schimpftiraden lesen mag, belasse ich es einfach mal hierbei.

Vielleicht fragt ihr euch nun: Kann man das Buch auch dann in seiner Gesamtheit mögen, wenn man mit Manon als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte nichts anfangen kann? Ja. Absolut.

FAZIT

Im Großen und Ganzen hat mir „Das Lavendelzimmer“ von Nina George recht gut gefallen. Besonders Nina Georges wunderschöner, poetischer, bildgewaltiger Schreibstil und ihr besonderes Talent für Beschreibungen sind alleine schon Grund genug, den Hut vor ihr zu ziehen. Insbesondere ihre einmalige, wunderschöne Sprache scheint für mich auch ein ganz wesentlicher Grund dafür zu sein, dass dieses Buch so durch die Decke gegangen ist. Auch mit Jean Perdu, dem Protagonisten, lebt das Buch von einem unfassbar sympathischen Charakter, den man einfach ins Herz schließen muss. Während des gesamten Buches flicht Nina George auch immer wieder unheimlich schöne Metaphern ein, die sie vor der großartigen und beeindruckenden Kulisse der Provence erstehen lässt. Auch die zahlreichen Momente emotionaler Tiefe (ganz besonders am Ende der Geschichte), konnten mich berühren und haben mich echt erreicht. Und auch, wenn ich mir wirklich vorstellen könnte, dass man das Buch insgesamt besser finden wird, wenn man auch einen Zugang zur Figur von Manon findet, kann man es auch dann wirklich sehr mögen, wenn dies nicht der Fall ist.

Falls ihr Lust auf einen sprachlich unfassbar schön geschriebenen Roman bekommen habt, der euch in die Provence entführen und euch dabei so gefangen nehmen wird, als wäret ihr wirklich dort und ihr auch Lust auf vielschichtige Charaktere habt, dann sei euch „Das Lavendelzimmer“ von Nina George empfohlen.

So ihr Lieben, das war es auch schon wieder mit meinem Lesemonat August. Ich hoffe sehr, dass ihr ein bisschen Spaß beim Lesen hattet und vielleicht war ja wieder Lese-Inspiration für euch dabei.

Und vielleicht kennt ihr eines oder mehrere der Bücher ja schon. Wenn ja, wie fandet ihr sie? Ich bin sehr gespannt, eure Meinungen in den Kommentaren zu lesen. 🙂

Und wenn ihr Lust habt, dann lade ich euch auch sehr herzlich dazu ein, mal in meinen Podcast „Seitengeraschel“ reinzuhören. Ihr findet ihn auf Spotify, iTunes, Podimo und überall, wo es Podcasts gibt. 🙂

Bis bald und alles Liebe,

Christina

Ein Kommentar zu „Lesemonat August 2020

  1. Wow, hast du wieder viel geschrieben! Danke für deinen spannenden Beitrag!
    Am liebsten würde ich persönlich wohl das Buch über Donald Trump lesen – auch wenn seine Geschichte nicht gerade für gute Laune sorgt.

    Bei der Geschichte mit den Jugendlichen in der verschneiten Hütte kamen bei mir ein paar „Until Dawn“-Vibes rüber… natürlich müsste ich jetzt das Buch lesen und überprüfen, ob ich richtig liege. 😉

    Und beim Lavendelzimmer befürchte ich, dass mir Manon auch ziemlich auf den Geist gehen wird, aber die tolle Sprache des Buchs würde mich dennoch interessieren.

    Auf jeden Fall vielen Dank für deine tollen Lesetipps! Du machst das supi! 🙂

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