„Alias Grace“ von Margaret Atwood – ein stimmungs- und anspruchsvolles Buch

Hallo ihr Lieben,

da ich vor wenigen Tagen „Alias Grace“ von Margaret Atwood fertig gelesen habe und das Buch mich doch sehr zum Nachdenken angeregt hat, dachte ich mir, ich stelle es euch mal „außerhalb der Reihe“ vor. Irgendwie hört man, wenn es um die kanadische Autorin Margaret Atwood geht, immer sehr viel über ihr Meisterwek „The Handmaid’s Tale“ (deutscher Titel: „Der Report der Magd“), das euch auch ganz bestimmt ein Begriff ist. Dabei habe ich den Eindruck, dass über ihre anderen Bücher, wie zum Beispiel „Alias Grace“ doch eher wenig gesprochen wird. Dies finde ich irgendwie schade, da dieses Buch wirklich einfach großartig ist. Daher möchte ich euch in diesem Beitrag dieses wundervolle Buch im Detail vorstellen. Dabei versuche ich selbstverständlich wie immer, so spoilerfrei wie nur irgendmöglich zu berichten. 🙂

Cover: „Alias Grace“ von Margaret Atwood, PIPER-Verlag

INHALT

Der Roman basiert auf einem Kriminalfall, der Mitte des 19. Jahrhunderts ganz Kanada erschüttert und in der Bevölkerung für Bestürzung gesorgt hat.

Dabei erzählt der Roman, der auch in Kanada spielt, die Geschichte des irisch-kanadischen Dienstmädchens Grace Marks, die im Jahre 1843 des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern beschuldigt wird. Ihr wird dabei folgendes zur Last gelegt: Nachdem die sechzehnjährige Grace (die im Übrigen eine außergewöhnlich hübsche, intelligente und charismatische junge Frau ist) als Dienstmädchen für den wohlhabenden Gentleman Mr. Thomas Kinnear in Richmond Hill, Ontario gearbeitet hat, soll sie einen grausamen Entschluss gefasst haben. Sie stiftet den Stallburschen James McDermott dazu an, ihr dabei zu helfen, ihren Dienstherren, Thomas Kinnear und dessen Haushälterin Nancy Montgomery bestialisch zu töten. So sagt zumindest der Stallbursche James McDermott später vor Gericht aus. Er belastet Grace schwer und behauptet zudem, Grace sei in ihren Vorgesetzten Thomas Kinnear verliebt gewesen und hätte ihn aus enttäuschter Liebe umbringen wollen. Da es zudem in Richmond Hill, der kanadischen Kleinstadt, wo sich der Doppelmord ereignet, ein offenes Geheimnis war, dass Thomas Kinnear als Hausherr und Gentleman eine Affäre mit seiner Haushälterin, Nancy Montgomery hatte, beschließt Grace angeblich aus Neid auf die hübsche, ledige Haushälterin, diese auch zu töten.

Der Stallbursche, James McDermott sagt vor Gericht aus, die schöne und berechnende Grace habe ihn dazu verführt und angestiftet, den Doppelmord an Mr. Kinnear und Nancy Montgomery zu begehen. Sie sei zutiefst durchtrieben, böse und sexuell verderbt und er hätte sich ihrer Avancen und Verführungskünste nicht erwehren können, sodass ihm gar keine andere Wahl geblieben wäre, als diesen Doppelmord zu begehen. Und das tut er dann auch: So verletzt er Nancy Montgomery zunächst mit einer Axt aufs Schwerste und erschießt Mr Kinnear, während Grace schließlich Nancy noch mit ihrem Halstuch erdrosselt und beide dann die Leichen ihrer beiden Vorgesetzten im Keller entsorgen. Grace und James plündern sodann noch Wertsachen und Kleidung und fliehen über den Ontariosee in die USA. Doch die beiden kommen nicht weit. Denn schon einen Tag später werden sie in einem Hotel verhaftet. Sofort stürzt sich die Presse auf Grace, die zur Anstifterin und Mörderin und zutiefst heimtückischen und verdorbenen Ikone des Bösen stilisiert wird.

Am Ende des Prozesses werden James McDermott und Grace Marks beide zum Tode verurteilt. Während McDermotts Todesurteil ziemlich bald vollstreckt wird, wird Graces Urteil jedoch in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt, die sie sodann im Gefängnis in Toronto zu verbüßen hat.

Grace sagt aus, dass sie sich an die entscheidenden Szenen des Mordes an Thomas Kinnear und Nancy Montgomery nicht erinnern kann: Sie berichtet von Erinnerungslücken und sagt, dass ihr ganze Teile dieser Nacht in ihrer Erinnerung fehlen würden. Ihr glaubt aber selbstverständlich niemand. Zudem entwickelt Grace während der ersten Jahre ihrer Haftstrafe zunehmend starke Anfälle von sogenannter „Hysterie“, wie man es damals bezeichnete. Sie erleidet Zusammenbrüche, Ohnmachtsanfälle oder Episoden, in denen sie hysterisch wird, schreit und sich panisch gegen ihr Umfeld zur Wehr setzt. Nachdem sie in die Irrenanstalt verbracht wird, ist sie nach einiger Zeit wieder so hergestellt, dass sie zurück ins Gefängnis gebracht werden kann. Dort darf sie dann untertags sogar im Haus des Gefängnisdirektors als Dienstmädchen arbeiten, während sie abends zurück ins Gefängnis gebracht wird. Diese Praxis, sich Strafgefangene für handwerkliche Tätigkeiten aus dem Gefängnis „auszuleihen“, war in Nordamerika im 18. Jahrhundert durchaus üblich.

Unter anderem auch deshalb, weil der Fall um Grace Marks große Wellen geschlagen hat (und weil sie wiegesagt eine charismatische und außergewöhnlich schöne junge Frau ist, wie die Bevölkerung immer wieder munkelt und lästert), gibt es immer wieder Bestrebungen, eine Begnadigung für Grace zu erwirken um ihr die lebenslängliche Haftstrafe zu erlassen. Hier ist vor allem ein Pfarrer, namens Enoch Verringer, sehr aktiv. Dieser versucht, eine ebensolche Begnadigung für Grace zu erlangen. Dabei holt sich dieser Pfarrer einige Unterstützung aus der höheren, kanadischen Gesellschaft und stellt immer wieder Gesuche an die Behörden.

Schließlich tritt ein junger, amerikanischer Arzt auf den Plan. Dr. Simon Jordan ist vermutlich das, was wir heute als einen Psychiater bezeichnen würden. Er ist jung, und hat bereits halb Europa bereist und forscht leidenschaftlich an der Heilung psychischen Erkrankungen. Dabei gilt sein besonderes Interesse der Erforschung von gedanklichen Assoziationsketten, also Gedankengängen, die aufeinanderfolgen. So erhofft er sich, Amnesien bei psychisch erkrankten Patienten heilen zu können. Dieser Dr. Simon Jordan wird von Pfarrer Verringer beauftragt, Grace zu behandeln und ihre Erinnerungslücken zu „heilen“. Dies alles mit dem Ziel, dass Graces Unschuld doch bewiesen und sie endlich doch begnadigt werden kann.

Für den jungen Arzt Dr. Jordan kommt dies wie gerufen, da er sich erhofft, durch diesen prominenten Fall um Grace Marks zu Bekanntheit und Anerkennung als Arzt zu gelangen. Daher nimmt er sich gerne dieser Fallstudie an und trifft Grace ab sofort jeden Tag im Haus des Gefängnisdirektors, wo er sich mit ihr unterhält und herauszufinden versucht, was wirklich in der Nacht des Doppelmordes geschehen ist. Das kann man sich dann fast wie eine Art Psychotherapie vorstellen, wo sich Grace und Dr. Jordan einander gegenübersitzen und miteinander sprechen.

Dabei nimmt ein Großteil des Buches die Erzählung von Graces Lebensgeschichte ein, die sie Dr. Jordan erzählt. Die beiden vertiefen sich immer mehr in ihre täglichen Gespräche, die für beide immer wichtiger werden. Und schließlich geschieht das, was eigentlich niemals in einem solchen Fall passieren darf: Dr. Jordan verliebt sich in die wunderschöne und hochintelligente Grace (und keine Angst: Diese Information steht auf dem Klappentext des Buches, daher habe ich euch auch nicht gespoilert 🙂 ). Und über allem schwebt immer wieder die große Frage: Wer ist Grace wirklich? Ein unschuldiges Opfer ihrer Umstände? Eine falsch verdächtigte, unschuldige junge Frau oder doch eine durchtriebene und manipulative, kaltblütige Mörderin?

AUFBAU DES BUCHES

Soviel zum Inhalt. Ein Aspekt des Buches, der unglaublich spannend ist, ist die Erzählperspektive. Zum Großteil wird die Geschichte aus Graces Perspektive, in Form einer Ich-Erzählung berichtet. Dies tut sie meist in Form ihrer Erzählungen während ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan. Diese Erzählungen sind stilistisch meist sehr umgangssprachlich ausgestaltet und unheimlich gut an die Sprache einer jungen und eher wenig gebildeten Frau des 19. Jahrhunderts angepasst. Manchmal berichtet sie auch (außerhalb ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan) im weitesten Sinne dem Leser gegenüber, ohne einen direkten Adressaten zu haben. Zusätzlich zu Graces Perspektive gibt es aber auch noch einen auktorialen Erzähler, der im Präsens die Sicht von Dr. Jordan beschreibt. Auf diese Art und Weise erhält der Leser Einblick sowohl in die Gedanken und Erlebnisse von Grace, als auch in die von Dr. Jordan, was unheimlich spannend ist.

Zudem wird das Buch immer wieder durch authentische, originale Zeitungsartikel aus der zeitgenössischen kanadischen Presse, Gedichte und Liedtexte ergänzt, die dem Buch noch zusätzlich sehr viel Tiefe und Atmosphäre verleihen. So erfährt man, wie und was zur damaligen Zeit über Grace Marks geschrieben wurde, wie die öffentliche Meinung zu ihr stand und welcher Druck sich dadurch auch für Grace aufgebaut hat. Auch die Gedichte, die aus der Literatur im Allgemeinen kommen, erschaffen eine ganz eigene Atmosphäre, die unfassbar gut zur undurchsichtigen Düsternis und dem Mysterium rund um Grace passen.

Das Buch ist dabei in 15 Teile gegliedert, die jeweils recht ungewöhnliche Titel tragen, die zunächst irgendwie merkwürdig anmuten. Da gibt es Namen wie „Geheimfach“, „Jungmännertraum“, „Der Buchstabe X“, „Fallende Stämme“ oder „Der Paradiesbaum“. Zunächst konnte ich damit gar nichts anfangen. Irgendwann merkte ich aber, dass diese Namen Bezeichnungen von Stickmustern für kanadische Quilts sind. Bei Quilts handelt es sich um besondere, kanadische Steppdecken, die es überall in gehobenen Haushalten zu dieser Zeit gab und die mit ganz speziellen Mustern bestickt sind. Dabei gibt es eine Vielzahl an möglichen Mustern, die sehr aufwendig hergestellt werden und zu unterschiedlichen Stationen im Leben des Besitzers passen. So berichtet Grace zum Beispiel, dass sie, wenn sie jemals geheiratet hätte, sich selbst als frisch verheiratete Braut gerne einen Quilt mit dem Muster eines sogenannten „Paradiesbaums“ bestickt hätte. Und vielleicht fragt ihr euch jetzt: Und was soll das alles jetzt? Hier kommt die Antwort 😉 : Grace macht während ihrer Sitzungen bei Dr. Jordan immerzu Handarbeiten. Dabei näht sie häufig solche Quilts für andere Menschen oder erzählt davon, wie sie in der Vergangenheit als Dienstmädchen solche Quilts genäht hat. Und dabei ist jedem Abschnitt ihrer Lebenserzählung in diesem Buch immer ein bestimmtes Quiltmuster zugeordnet, das irgendwie zu ihrer jeweiligen Lebenssituation passt. Ihre gesamte Lebensentwicklung wird so innerhalb des Buches gewissermaßen durch Quiltmuster dargestellt. Das fand ich eine unheimlich schöne und metaphorische Art und Weise, Graces Leben in einen Rahmen zu fassen.

ATMOSPHÄRE UND BEHANDELTE THEMEN

Schaut man sich das Nachwort von Margaret Atwood am Ende des Buches an, so erkennt man, wie unfassbar viel die Autorin für diesen Roman recherchiert hat. Und diesen Rechercheaufwand in Kombination mit Margaret Atwoods packendem Schreibstil spürt man auf jeder Seite dieses wunderbaren Buches.

Margaret Atwood, die ja einen Großteil ihrer Kindheit in der kanadischen Natur verbracht hat, weil ihr Vater Entomologe (also Insektenforscher) war und so jeden Sommer mit der Familie draußen verbracht hat, beweist eine unglaubliche Gabe, die unfassbar rauhe und unerbittle Natur Kanadas zu beschreiben. Zudem gelingt es ihr scheinbar mühelos, dass sich der Leser ins 19. Jahrhundert hineinkatapultiert fühlt. Dabei zeigt sie auch die damaligen gesellschaftlichen Strukturen auf und macht deutlich, wie bitterarm die allermeisten Menschen (so auch Grace) zu dieser Zeit waren. Dabei nennt sie unzählige kleine Alltagsdetails, die uns heutzutage in ihrer Härte und Unerbittlichkeit unglaublich vorkommen (wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, dann wisst ihr ja, dass ich genau sowas total liebe bei historischen Romanen!). Wir erfahren zum Beispiel, wie Grace mit ihrer Familie aus Irland nach Kanada übersiedelt ist, da Grace von ihrer sehr kurzen Kindheit erzählt. Ich weiß nicht, wie es euch dabei geht, aber wenn ich mir früher immer vorgestellt habe, wie die Einwanderer aus Europa in Nordamerika ankamen, da dachte ich mir nicht allzuviel dabei. Aber Margaret Atwood beschreibt auch hier so unglaublich packend, wie haarsträubend, unhygienisch und klaustrophobisch die Umstände auf solchen Schiffen waren. Allein beim Lesen, hat mich manchmal ein richtiger Ekel und Platzangst gepackt, die ich mir so nie hätte vorstellen können. Als dann auch für Grace noch während dieser Überfahrt ein traumatisches Ereignis geschieht, konnte ich als Leserin, die gemütlich auf der heimischen Couch saß, es selbst kaum erwarten, dass dieses Schiff bittebitte bald in Kanada ankommen möge. Und diese unfassbar plastische Schreibweise zieht sich durch das gesamte Buch: Egal, ob Margaret Atwood das Leben im Gefängnis, den Alltag eines bitterarmen Dienstmädchens oder das Schicksal und die gesellschaftliche Rolle der Frau im 19. Jahrhundert beschreibt und reflektiert: Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich erschüttert war und ungläubig den Kopf vor soviel Elend schütteln musste. Und auch den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts mit seinen spiritistischen Séancen der feineren Gesellschaft, der aufkeimenden psychologischen Forschung und der rigiden Gesellschaftsordnung und die allgegenwärtige, düstere und morbide Atmosphäre rund um den Doppelmord, hat die Autorin unfassbar toll eingefangen und so eine großartige und sehr stimmungsvolle Atmosphäre geschaffen. Hier hat mich Margaret Atwood einfach nur begeistert und aus den Socken gehauen.

DIE PSYCHOLOGIE ZWISCHEN DEN PROTAGONISTEN

Besonders hervorheben möchte ich gerne auch noch die Beziehung zwischen Grace und Dr. Jordan, die wirklich unfassbar spannend dargestellt wird. Dadurch, dass der Leser Einblicke sowohl in Graces Gedanken, als auch in die von Dr. Jordan erhält, spürt man sehr schnell ein sehr spannendes Geflecht: Dr. Jordan überlegt immer wieder, wie er Graces Amnesie durch seine psychologischen Methoden (die dem Kenntnisstand des 19.Jahrunderts entsprechen) auf den Grund gehen kann. Dabei spürt er, dass Grace ihm nicht immer alles erzählt und so wird die junge, attraktive Frau für ihn immer mehr zu einem einzigen großen Mysterium. Und wir lernen auch Graces Gedanken kennen und erfahren sozusagen aus erster Hand, dass Grace ihm wirklich oft nur das erzählt, was sie möchte. Und obwohl wir fast die ganze Zeit ganz nah an Grace und ihrer Gedankenwelt dran sind, schafft Margaret Atwood hier etwas Unglaubliches: Grace ist und bleibt ein Mysterium. Auch für den Leser. Da ist man wirklich hin- und hergerissen zwischen dem Eindruck, dass man als Leser wirklich glaubt, Grace mittlerweile gut zu kennen und zu verstehen. Doch es scheint immer ein Teil zu bleiben, der im Dunkeln liegt, der einem irgendwie unheimlich ist und den man niemals ergründen wird. Ich finde dies eine herausragende schriftstellerische Leistung.

Aber auch Dr. Jordan, der zunehmend eine wirklich sehr verwirrende und emotional auslaugende Beziehung zu Grace entwickelt, ist ganz bestimmt kein typischer Retter in strahlender Rüstung, wie man ihn als jungen Arzt, der eine junge Frau retten will, vielleicht erwarten würde. Mit der Zeit flicht die Autorin immer mehr Ereignisse und Begebenheiten ein, die uns als Leser deutlich machen, dass Dr. Jordan vielleicht sogar selbst nicht mit der stabilsten psychischen Gesundheit gesegnet zu sein scheint.

Und dann bleibt da auch noch das Thema der Psychologie, das ich unbedingt auch noch ansprechen möchte. So wird in dem Buch die im 19. Jahrhundert immer stärker aufkeimende Forschung im Bereich der psychischen Erkrankungen deutlich und so auch die haarsträubenden Zustände in den Irrenanstalten der damaligen Zeit.

Dr. Jordan, der als für seine Zeit moderner und fortschrittlich denkender Wissenschaftler gesehen werden kann, hat beispielsweise auch eine Zeit im Pariser Krankenhaus Hôpital de la Salpêtrière gearbeitet, wo auch Sigmund Freud viele Jahre später tätig war. So prallen in dieser Geschichte altertümliche Meinungen über die Ursachen psychischer Erkrankungen auf die damalige, moderne Forschung und all dies wird dann noch durch Spiritismus ergänzt, der im 19. Jahrhundert total im Trend lag. Diese Mischung und auch diese Auseinandersetzung mit dem Wissen der damaligen Zeit, fand ich total spannend, da Dr. Jordan schließlich auch nur in dem Bezugsrahmen und auf Basis des Wissensstands arbeiten kann, den er zur damaligen Zeit eben zur Verfügung hat. Solltet ihr euch für diese Themen interessieren, werdet ihr diesen Roman definitiv lieben!

Abschließend zu diesem Thema möchte ich auch noch erwähnen, dass Margaret Atwood eine unfassbar intelligente psychologische Erklärung für die Geschehnisse rund um Grace anbietet. Während des Buches legt sie hier immer wieder hochinteressante Spuren, manchmal in Form von bloßen Andeutungen (und der Leser weiß dennoch ganz genau, was geschehen ist, auch, wenn es nie ganz ausgesprochen wird) oder auch in Form von Träumen, die so genial und düster beschrieben sind, dass man oft als Leser selbst nicht sagen kann, was Traum und was Realität ist. Einfach der Hammer!

KRITIK

Als einzigen Kritikpunkt an diesem Buch möchte ich gerne einräumen, dass das Buch doch stellenweise ziemlich langatmig werden kann. Dies ist insbesondere bei den Szenen der Fall, als Grace von manchen Teilen ihrer Vergangenheit als Dienstmädchen erzählt. Hier passt Margaret Atwood ihre Sprache, wenn die Sitzungen bei Dr. Jordan stattfinden, an einen umgangssprachlichen Plauderton an, der unfassbar gut zu Grace passt. Jedoch ist dies nicht immer ganz leserfreundlich, wie ich zugeben muss. Zudem beschreibt Margaret Atwood hier oftmals Details mit einer Akribie, die gelegentlich auch ziemlich anstrengend werden kann. Auf diese detailreichen Erzählungen, die in einen teilweise anstrengenden Erzählton gekleidet sind, sollte man sich defintiv einstellen. Doch das Durchhalten wird belohnt, versprochen!

FAZIT

„Alias Grace“ von Margaret Atwood ist für mich ein unfassbar atmosphärisches, stimmungsvolles und großartig erzähltes Buch, das so vielschichtig ist und so unglaublich viele (gesellschaftliche) Aspekte anspricht, dass keine Inhaltsangabe diesem Roman je gerecht werden könnte. Es ist nicht zuletzt ein historisch genaues Buch, das mit un Raffinesse ein Mysterium rund um Graces Geschichte aufbaut. Und mit all diesen bunten und übervollen Aspekten und Elementen, hat mich Margaret Atwood wirklich umgepustet.

Wenn ihr also mal Lust habt, ein wirklich stimmungsvolles, mysteriöses und aber auch anspruchsvolles Buch zu lesen, dann sei euch „Alias Grace“ von Margaret Atwood absolut empfohlen.

Der Roman ist bei PIPER erschienen und hat 613 Seiten.

~Werbung wegen Markennennung~

4 Kommentare zu „„Alias Grace“ von Margaret Atwood – ein stimmungs- und anspruchsvolles Buch

  1. Wieder ein faszinierender und fesselnder Kommentar zum Buch. Schaue mir gerade die Serie zum Buch an und möchte es danach sehr gerne lesen. Du hast mich wieder unglaublich neugierig gemacht. Wie immer, toll beschrieben.

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