Lesemonat Juli 2020

Hallo und herzlich willkommen zu meinem Lesemonat Juli 2020. Ich freue mich riesig, dass ihr wieder hier vorbeischaut. Nach einem sehr intensiven Lesemonat Juli, in dem ich vier Bücher geschafft habe, berichte ich euch nun über meine Leseflaute und darüber, was mich wieder aus dieser Flaute rausgeholt hat und vieles mehr. Ich wünsch euch viel Spaß! 🙂

„DAS KASTILISCHE ERBE“ von Ulrike Schweikert

Cover „Das Kastilische Erbe“ von Ulrike Schweikert

Ich hatte ja im Lesemonat für den Juni schon erzählt, dass ich (unter anderem wegen eines Buches) in eine handfeste Leseflaute gestürzt bin. Und nunja, ich mag es ja eigentlich nicht sagen, aber dieses Buch hier war dafür verantwortlich. Was ich über diesen historischen Roman denke, was mir daran gefallen hat und was nicht so, möchte ich euch nicht vorenthalten. Doch zunächst mehr zum Inhalt:

Die Münchner Journalistin Isaura wird Nacht für Nacht von Albträumen gequält. Immer und immer wieder findet sie sich in einem dunklen Raum wieder, in der sie eine altertümlich und ganz in schwarz gekleidete Frau sieht, die unendlich traurig und in kompletter Hoffnungslosigkeit versunken zu sein scheint. Immer wieder muss Isaura diese intensiven Gefühle der Einsamkeit und Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins in diesen Träumen erleben. Doch eine Erklärung für diese immer wiederkehrenden Träume kann sie nicht finden.

Eines Tages wird sie auf ein Buch in einem Münchner Antiquariat aufmerksam, das schon viele Jahrhunderte alt zu sein und aus Spanien zu stammen scheint und eine magische Anziehung auf sie ausübt. Es ist eine Erzählung, die von einer Frau namens „La Caminata“ erzählt worden ist und die Geschichte der Thronbesteigung von Isabel von Kastilien erzählt. Aus irgendeinem Grund, den Isaura nicht näher fassen kann, fühlt sie sich unheimlich zu dieser Geschichte und seiner Autorin „La Caminata“ hingezogen.

Eine gewisse Zeit später erhält Isaura eine unerwartete Nachricht von einem Anwalt, der ihr schreibt, ihre unbekannte Großtante Carmen sei verstorben und habe Isaura ein kleines Häuschen im spanischen Örtchen Tordesillas hinterlassen. Obwohl Isaura gar nichts von einer spanischen Großtante wusste, beschließt sie spontan, nach Spanien zu fliegen und einen Termin bei dem Anwalt machen. Das Haus und das Erbe existieren und Isaura wird plötzlich mit einem Teil ihres Lebens und ihrer Familie konfrontiert, von dem sie nie etwas ahnte. Dabei merkt sie, dass sie sich selbst auch nicht so gut kennt, wie sie immer glaubte. Und während sie immer tiefer in die Geschichte um „La Caminata“ und ihre eigene Lebensgeschichte und die ihrer Großtante eintaucht, kommt Isaura auch langsam der traurigen Frau aus ihren Albträumen auf die Spur.

Parallel zu Isauras Geschichte wird dabei noch eine zweite erzählt. Und zwar handelt es sich dabei um die Lebensgeschichte der jungen Jimena, die im 15. Jahrhundert am Hofe der spanischen Infantin Isabel von Kastilien lebt. Jimena ist Hofdame und die treue Begleiterin und Vertraute Isabels. Und dies nicht nur deshalb, weil Jimena eine außergewöhnliche Gabe besitzt: Sie empfängt immer wieder Visionen und sieht mögliche Versionen der Zukunft und vermag allein durch die Kraft ihrer Gedanken unglaubliche Dinge zu tun, die ihr manchmal Angst machen. Hier begleiten wir Jimena, wie sie Isabel auf dem Weg zu ihrer Thronbesteigung beisteht und dabei viele Hindernisse überwinden muss.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als ich die Inhaltsangabe dieses Buches gelesen habe, war ich sooo gespannt und wirklich Feuer und Flamme. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass bei einer solch interessanten Geschichte irgendwas schiefgehen könnte. Und doch sollte ich mich da ganz schön getäuscht haben. Leider war das Buch nicht wirklich mein Fall und leider mein erster richtiger Flop in diesem Jahr.

Zunächst muss ich sagen, dass das Buch an sich keineswegs schlecht geschrieben war. Ich glaube eher, dass es bei mir einfach nur nicht „funktioniert“ hat. Die Geschichte, die in der Gegenwart bei Isaura in München und Tordesillas spielte, war für mich persönlich leider ziemlich langatmig und teilweise unglaubwürdig und klischeehaft geschrieben. An viele Stellen konnte ich Isauras Gefühle und Verhaltensweisen überhaupt nicht nachvollziehen. Als sie selbst irgendwann beginnt, merkwürdige Visionen und Zusammenbrüche zu erleiden, haben ihre Gedanken und Reaktionen dazu irgendwie überhaupt nicht gepasst, wie ich fand. Zudem fand ich die Charaktere in der Gegenwart fast alle extrem klischee- und schablonenhaft gezeichnet. Auch die Situation um Isauras Ehemann und ihre Eheprobleme fand ich eher wie aus einem schlechten Film. Daher habe ich mich an vielen Stellen, die in der Gegenwart spielten dabei eratppt, wie ich immer mal wieder vorblätterte um zu schauen, wie lange diese Kapitel denn noch dauern würden.

Im zweiten (und viel ausführlicheren) Erzählstrang, der bei der Hofdame Jimena im 15. Jahrhundert spielt, war ich etwas lieber unterwegs. Ich interessiere mich schon seit vielen Jahren sehr für Spanien, die Sprache und seine Geschichte. Daher fand ich es grundsätzlich sehr interessant, etwas über die spätere Königin Isabel (die auch die „Katholische“ genannt wird und Christoph Kolumbus auf seiner Fahrt nach Amerika finanziell unterstützt hat, vielleicht zur kurzen Einordnung) von Spanien zu erfahren. Jedoch muss ich sagen, dass ich beim Lesen von den Visionen und der Gabe um Jimena doch irgendwann sehr genervt war. Für mich wäre diese Geschichte auch großartig ohne magische Komponenten ausgekommen, zumal ich diese auch nicht wirklich glaubhaft erzählt fand.

Was mich irgendwie verwundert hat, war, dass ich, obwohl sich Ulrike Schweikert sehr um eine an das 15. Jahrhundert angepasste Sprache bemüht hat, nie das Gefühl hatte, im 15. Jahrhundert zu sein. Das Gefühl, am Ende des Mittelalters in Spanien zu sein, hat mich leider irgendwie nie erreicht. Das fand ich sehr schade. Und obwohl Ulrike Schweikert auch viel recherchiert hat (das merkt man wirklich!), konnte mich auch der Erzählstrang um Jimena nicht fesseln oder überzeugen. Vielleicht lag es daran, dass mir an historischen Romanen vor allem gefällt, wenn die Autoren viele Details einbringen, die im Alltagsleben früher typisch waren und uns heute richtiggehend unglaublich vorkommen. Doch solche Details konnte ich in diesem Buch leider nur sehr wenige finden (oder sie waren doch öfter vorhanden, nur ich habe sie nicht als solche wahrgenommen, was natürlich auch immer sein kann).

Alles in allem hat sich das Buch für mich leider wie Kaugummi gezogen und mir nur wenig Freude gemacht. Das fand ich wirklich unheimlich schade. Am Ende des ersten Teils dieser „Caminata“-Dilogie wird außerdem klar, um wen es sich wahrscheinlich bei der Frau aus Isauras Albträumen handelt. Jedoch muss dafür erst der zweite Teil der „Caminata“-Reihe gelesen werden. Da ich mit dem ersten Teil so sehr zu kämpfen hatte, werde ich mir den zweiten allerdings nicht mehr holen.

Als Fazit möchte ich sagen, dass das Buch „Das kastilische Erbe“ auf keinen Fall schlecht ist. Das ist ein Buch sowieso nie per se. Es hat mir ganz persönlich nur einfach nicht gefallen, da es mich einfach nicht erreicht hat und ich viele Aspekte der Geschichte einfach zu klischeehaft fand.

Das Buch ist bei Blanvalet erschienen und hat 597 Seiten.

„Marina“ von Carlos Ruiz Zafón

Cover „Marina“ von Carlos Ruiz Zafón

Nachdem der großartige, spanische Schriftsteller und Geschichtenerzähler Carlos Ruiz Zafón im Juni leider verstorben ist, habe ich auf Instagram mitbekommen, dass ein spanischsprachiger Leseclub ihm zu Ehren eines seiner Bücher lesen möchte. Da ich diese kleine Hommage an diesen wunderbaren Autor eine tolle Idee fand und ich das Buch schon seit Ewigkeiten auf meinem Stapel ungelesener Bücher zu liegen hatte, habe ich mich sehr gerne angeschlossen. Da ich das Buch auf spanisch gelesen habe, habe ich etwas länger dafür gebraucht, da ich zunächst etwas eingerostet war. Mit der Zeit ging es aber immer besser. Ich finde aber auch die deutschen Übersetzungen von Zafóns Büchern auch immer sehr gelungen, da ich auch schon auf deutsch etwas von ihm gelesen habe. Zum Inhalt von „Marina“:

Der Teenager Óscar Drai lebt im Barcelona Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre. Dies sind die Jahre, in denen die Franco-Diktatur gerade zu Ende gegangen ist und sich das Land in der Transitionsphase zur Demokratie hinentwickelt.

Óscar lebt in einem Internat in Barcelona und ist manchmal ziemlich einsam und allein. Er liebt es aber, in Barcelona und seinen verwunschenen, versteckten und teilweise morbiden Gassen umherzustreifen und dabei die Zeit zu vergessen. Bei einem seiner Streifzüge wird er magisch von einem alten Haus angezogen, in dem das junge Mädchen Marina mit ihrem Vater Germán wohnt. Das Besondere dabei ist, dass Marina und Ihr Vater dabei leben, als kämen sie aus einem vergangenen Jahrhundert. Denn sie haben weder Strom, noch sonst irgendwelche modernen Geräte in ihrem Haus. Germán ist Maler und scheint auf unvergleichliche Weise das Licht in seinen Bildern einfangen zu können. Seine Tochter Marina freundet sich schnell mit Óscar an und bald gehört er fast schon zur Familie. Auf einem gemeinsamen Streifzug durch Barcelona mit Marina, verschlägt es die beiden auf einen dunklen Friedhof, wo sie eine rätselhafte, ganz in schwarz gekleidete und verschleierte Frau beobachten, die aus einer altertümlichen Kutsche aussteigt. Die Spur dieser Frau führt Óscar und Marina tief in die Vergangenheit Barcelonas und zu einer Geschichte, die mir unheimliche Gänsehaut verursacht hat. Als die beiden in einem düsteren und verlassenen Glasgebäude die marionettenartigen und äußerst lebendigen Hinterlassenschaften eines vermutlich Wahnsinnigen finden, entfesseln Óscar und Marina eine düstere und zutiefst gefährliche Geschichte aus Barcelonas Vergangenheit, für die bis zum heutigen Tag immer noch Menschen bezahlen müssen. Und bald gibt es kein Entrinnen mehr für Marina und Óscar.

Mehr möchte ich zum Inhalt gar nicht erzählen, da ich euch auf keinen Fall spoilern möchte. Ich muss sagen, dass ich diese Geschichte (so wie alle Bücher von Carlos Ruiz Zafón) liebe! Er hat eine so unglaubliche Bildsprache und ein unfassbares Talent, mit seiner bildgewaltigen und emotionalen Sprache nicht nur zutiefst liebenswerte und athentische Charaktere zu erschaffen: Er lässt auch ein Barcelona vor unseren Augen erstehen, wie wir es noch nie erlebt haben: Wir bewegen uns mit Óscar und Marina in einer dunklen Welt, die dem Verfall begriffen ist, aus einer anderen Zeit zu stammen scheint und so voller Zauber steckt, dass man kaum noch Luft bekommt. Allein diese Kulisse, die Magie und ganz tiefgründige Emotion atmet, wäre schon Grund genug, seine Bücher zu lesen.

Außerdem erzählt Zafón seine Geschichten immer sehr raffiniert (und so tut er es auch hier im Falle von „Marina“). So verwebt er Gegenwart und Vergangenheit, verschiedene Orte, Menschen und Augenblicke und fügt zu seinem ganz eigenen Zauber auch eine großzügige Portion Horrorelemente zu. All dies macht diese Geschichte zu einem wirklich opulenten Leseerlebnis, das so voller Bilder und Atmosphäre, aber auch voller Gänsehaut und Entsetzen strotzte, dass es einfach nur eine Freude war. Am Ende des Buches geschieht zudem auch noch etwas, dass man nicht kommen sieht und das mir wirklich das Herz gebrochen hat. Denn neben gruseligen und atemberaubenden Szenen schafft Zafón es auch, dass der Leser eine zutiefst emotionale Bindung zu Óscar, Marina, Germán und all den Figuren des Buches aufbaut. Man fühlt, leidet und freut sich mit den Protagonisten und da war dann auch das Ende wirklich herzzerreißend für mich – wenn es aber doch auch irgendwie ein versöhnliches Ende war.

Ihr merkt es schon: Für dieses wunderbare Buch kann ich euch nur eine ganz große Leseempfehlung aussprechen. Und ich muss sagen, dass ich immer noch irgendwie ein bisschen traurig bin, dass uns der große Carlos Ruiz Zafón nun keine Geschichten mehr erzählen kann. Zum Glück wird er aber durch die spannenden Spaziergänge durch Barcelona und die zutiefst liebenswerten Figuren, die er uns Lesern geschenkt hat, unvergessen bleiben. Und irgendwie finde ich den Gedanken unheimlich schön, mir vorzustellen, dass er gerade durch das Barcelona seiner Bücher spaziert und vielleicht seine Bücher in der berühmtesten Buchhandlung Barcelonas, bei Semepere e Hijos in der Calle Santa Ana, in der Auslage stehen sieht.

Das Buch ist bei Fischer erschienen und hat 349 Seiten.

„Die ewige Prinzessin“ von Philippa Gregory

Cover „Die ewige Prinzessin“ von Philippa Gregory

Nachdem mein Erlebnis mit dem ersten historischen Roman, den ich gelesen hatte, ja leider so ein Reinfall war (ihr erinnert euch an „Das Kastilische Erbe“), hatte ich im Juli aber trotzdem immer noch unheimlich Lust auf einen guten historischen Roman. Dabei steckte ich immer noch in meiner Leseflaute und musste irgendetwas finden, was mich da wieder rausziehen könnte. Und dieses Buch habe ich gefunden. Und zwar: „Die ewige Prinzessin“ von Philippa Gregory.

Auf dieses Buch bin ich durch die liebe Padi von Whatpadiloves gestoßen, die ja der allergrößte Fan von Philippa Gregory ist. Und da ich selbst noch nichts von der Autorin gelesen hatte, wollte ich doch dann unbedingt mal in ein Buch von ihr reinschauen. Daher habe ich mir den (zumindest aus chronologischer Sicht) ersten Teil ihrer Tudor-Reihe gekauft.

In dem historischen Roman geht es um Katharina von Aragón, die später die erste Frau von König Heinrich dem VIII. von England werden wird (die übrigens die Tochter von Isabel der Katholischen ist, um die es im „Kastilischen Erbe“ ging, mal so als kleiner Fun-Fact am Rande). Zu Beginn des historischen Romans wird Katharina als Vierzehnjährige im Jahr 1501 aus den exotischen, sonnenverwöhnten und luxuriösen Mauern der spanischen Alhambra nach England an den Hof der Tudors geschickt. Dort soll sie Arthur, den Prinzen von Wales, heiraten, der eines Tages seinem Vater König Heinrich VII. auf den Thron folgen soll. Mit ihren 14 Jahren ist Katharina (oder Catalina, wie sie im Spanischen eigentlich heißt) für die Hochzeit mit Arthur bestens vorbereitet, denn sie ist ihm bereits seit ihrer Kindheit versprochen und sieht es als ihre heilige Pflicht und Mission an, eines Tages als Königin von England das Werk ihrer Eltern fortzusetzen und England, sowie die ganze westliche Welt, vor den Mauren zu verteidigen.

Während es zunächst trotz allem gar nicht so einfach für sie ist, sich in England einzuleben, wo alles so anders ist, als in ihrer sonnigen Heimat Spanien, wird Catalina aber mit Arthur verheiratet, mit dem sie nach einigen Startschwierigkeiten aber dann eine glückliche, junge Ehe führt. Doch dann trifft Catalina ein sehr heftiger Schicksalsschlag, den niemand hat kommen sehen und der sie zutiefst erschüttert und aus der Bahn wirft: Ihr geliebter Ehemann Arthur stirbt von heute auf morgen an einer Krankheit. Und nun stellt sich die Frage, wie es Katharina nun schaffen soll, doch noch ihre heilige Mission zu erfüllen, um Königin von Engalnd zu werden und Europa vor den Mauren zu verteidigen.

Ich kann euch schonmal sagen, dass ich mir dieses Buch unfassbar gut gefallen hat. Und tatsächlich hätte es wahrscheinlich kaum ein tolleres Buch geben können, um mich aus meiner Leseflaute wieder zu befreien. Denn Philippa Gregory ist nicht nur eine großartig informierte Historikerin: Sie ist auch eine Autorin, die mit ihrer bildgewaltigen Sprache eine solche Wucht und so einen Zauber entfalten kann, wie ich es noch bei keinem historischen Roman je erlebt habe. Denn sie nimmt uns nicht nur mit an den englischen Tudor-Hof, mit all seinen Besonderheiten und historisch unfassbaren Details, sondern sie führt uns auch nach Spanien. Denn auch Katharinas Wurzeln, die hinter den exotischen Mauern des ehemals arabischen Palasts der Alhambra liegen, zeigt Philippa Gregory ganz eindrücklich auf. Denn man versteht Katharina erst dann, wenn man ihre Herkunft und ihre Kindheit kennt: Als furchtlose Tochter eines kriegserprobten Königspaars, das ganz Spanien unter sich vereint und die Mauren vertrieben hat, fühlt sie sich als ein Lieblingskind Gottes, das gewissermaßen die Pflicht auferlegt bekommen hat, für das Christentum in England zu regieren und zu streiten. Und dabei kommt auch die atemberaubend schöne, exotische Kulisse des maurischen Palasts hinzu, die einen sofort davonträgt und einfängt. Besonders gelungen finde ich, dass Philippa Gregory auch die kulturellen Unterschiede zwischen Spanien und England aufzeigt und deutlich macht, dass es auch damals schon so etwas wie Kulturschocks gab. In einigen historischen Romanen wird meiner Meinung nach oft dieser Aspekt des Fremdseins in einem neuen Land komplett ignoriert, da es früher unter Königshäusern ja normal war, in fremde Länder einzuheiraten. Nichtsdestotrotz hatten aber auch die Menschen damals schon Heimweh und Schwierigkeiten, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Und diese Betrachtung ist Philippa Gregory unfassbar gut gelungen, finde ich.

Außerdem schafft es Philippa Gregory, wirklich eindrückliche Szenen zu beschreiben und emotionale, sehr tiefgehende Beziehungen zwischen den Protagonisten zu schaffen. Durch emotionale und teilweise wirklich epische Situationen, die auch einem gewissen Erzählmuster folgen, fühlt man während des ganzen Buches unglaublich mit Katharina mit. Am Ende des Buches hat man als Leser sogar dieses berührende, epische Gefühl, wirklich den ganzen Weg mit Katharina mitgegangen zu sein und sie durch fast ihr ganzes Leben begleitet zu haben. Dabei wiegen all die Schicksalsschläge, die sie im Laufe der Zeit tragen muss, natürlich umso schwerer.

Auch der Blick ins Innere der Protagonistin hat dem Buch eine unglaubliche Tiefe verliehen. Denn man lernt immer mehr über Katharinas Stolz und ihre Überzeugungen, die ihr wirklich eingebrannt zu sein scheinen: Und zwar, dass es ihr göttliches Schicksal ist, Königin von England zu werden und ihre Pflicht, als solche zu herrschen und den Willen Gottes zu erfüllen. So wird deutlich, dass ihr unbedingter Wille zur Macht nicht unbedingt nur etwas mit Narzissmus und Größenwahn zu tun hat: Es wird deutlich, dass sie wirklich zutiefst daran glaubt, dass es ihr Schicksal und ihre Pflicht ist, an die Macht zu kommen und dass sie sich diesem Schicksal unterordnen und dafür kämpfen muss. Diese Mehrdimensionalität fand ich bei Katharina unglaublich spannend.

Auch Narzissmus ist hier ein gutes Stichwort: Denn auch die (vermutlich) narzisstische Persönlichkeitsstruktur ihres zweiten Ehemanns Heinrich VIII. beschreibt Philippa Gregory auf psychologisch unheimlich glaubhafte Weise. Dabei ist sie nie klischeehaft und man kann sich wirklich vorstellen, dass Heinrich VIII genauso war, wie im Buch beschrieben. Dabei kommt Heinrichs narzisstische Persönlichkeit und sowohl sein, als auch Katharinas manipulativer Kommunikationsstil zwischen den beiden auf furiose und unfassbar realistische Weise zum Tragen. Hier war ich wirklich oftmals unheimlich erstaunt, wie glaubwürdig und gelungen Philippa Gregory dieses Thema erfasst hat.

„Die ewige Prinzessin“ ist für mich wahrscheinlich der beste historische Roman, den ich je gelesen habe. Und wenn ihr jetzt neugierig geworden seid und Lust habt, am königlichen Hof der Tudors mal vorbeizuschauen, dann sei euch „Die ewige Prinzessin“ von Philippa Gregory sehr ans Herz gelegt. Ich werde mir definitiv noch ganz viele Bücher der Autorin zulegen, so viel ist sicher.

Das Buch ist bei Bastei Lübbe erschienen und hat 613 Seiten.

„Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

Cover „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

An diesem Roman kommt man momentan wirklich kaum vorbei. Sowohl das Buch als auch die Serie mit Reese Witherspoon werden ja zur Zeit gehypt und ist in aller Munde. Da ich die Serie noch nicht gesehen habe, wollte ich unbedingt als erstes das Buch lesen, was ich dann auch diesen Monat getan habe.

Der Roman spielt in dem wohlgeordneten, perfekten (und irgendwie auch ziemlich spießigen) Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland, wo man daran glaubt, dass sich alle Probleme durch das Befolgen von Regeln lösen oder gar abwenden lassen. Dabei beginnt das Buch eigentlich am Ende der Geschichte, als die angepasste Lokaljournalistin Elena Richardson mit drei ihrer vier Kinder und ihrem Ehemann vor ihrem brennenden Haus steht. Die Geschichte erzählt dann von all den Ereignissen, die zu diesem Brand geführt haben und beginnt einige Monate zuvor. Zu diesem Zeitpunkt zieht die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Pearl in die Nachbarschaft der Familie Richardson (deren Haus dann später brennt). Da Pearl mit den Teenager-Kindern der Richardson-Familie im gleichen Alter ist, lernen diese sich in der Schule kennen und freunden sich an. Und schnell merkt man, wie eine fast unwiderstehliche Anziehung zwischen beiden Familien entsteht, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten: Während Elena Richardson und ihr Mann, der als Anwalt in Shaker Heights arbeitet, alles dafür tun, um sich den zahlreichen Regeln und Konventionen anzupassen, an die man sich als guter Bürger in Shaker Heights halten muss (dort wird sogar geregelt, in welchem Farbton man sein Haus streichen und wo man seine Mülltonnen lagern darf, um das harmonische Stadtbild nicht zu stören), sind aber die alleinerziehende Künstlerin Mia und ihre Tochter Pearl ganz anders: Bisher haben sie wie die Nomaden gelebt und sind immer von Ort zu Ort gezogen, ohne irgendwo je länger sesshaft zu werden. Dies soll nun aber anders werden, da Mia mit ihrer Tochter in Shaker Heights dauerhaft bleiben möchte. Mia Warren gibt nicht viel auf Regeln: Sie beobachtet am liebsten die Menschen und hat einen Blick für das, was diese in ihrem tiefsten Inneren fühlen, brauchen und vielleicht auch verstecken. Diese Fähigkeit hilft ihr auch bei ihrer Kunst als Fotografin. Nebenher jobbt Mia zudem noch in einem China-Restaurant und arbeitet als Haushaltshilfe bei den Richardsons, um die Miete zahlen und sich noch der Fotografie widmen zu können.

Doch bald wird Shaker Heights durch einen Skandal erschüttert und die Bewohner gespalten und damit auch die Richardsons und die Warrens. Im Zuge dieser Spaltung möchte sich Elena Richardson für das einsetzen, was sie für richtig hält und fängt an, sich gegen Mia zu wenden. Und da beginnen Elenas Nachforschungen in Mias mysteriöser Vergangenheit. Und so werden einige Geheimnisse ans Licht gezerrt, die Mia eigentlich tief in ihrer Vergangenheit begraben und hinter sich lassen wollte.

Währenddessen wird aber auch erzählt, wie Pearl immer mehr Zeit bei den Richardsons verbringt und Izzy, eine Tochter der Richardsons, immer mehr Zeit mit Mia verbringt. Dabei entstehen auch hier einige brisante Geheimnisse, die unbedingt gehütet werden müssen, wenn nicht ganz Shaker Heights davon erfahren und die Familie Richardson damit in Verruf geraten soll.

Soviel zum Inhalt. Ich kann euch sagen, dass dieses Buch dermaßen vielschichtig ist, dass ich dieser großartigen und tiefgründigen Geschichte vermutlich gar nicht gerecht werden könnte, egal wieviel ich dazu schreiben würde. Auch, wenn das Buch zunächst eher langsam und ruhig erzählt daherkommt, entwickelt es im Laufe der Zeit eine wahnsinnige Wucht. Denn es beschwört mysteriöse Geheimnisse und Notlagen herauf, die sich jeder Form der Kontrolle entziehen, die man ja im Örtchen Shaker Heights durch das Befolgen von Regeln um jeden Preis aufrecht erhalten will. Dabei geht es darum, was sich Menschen selbst vormachen und wie sie sich selbst belügen und manchmal unaussprechliche Dinge vor sich selbst rechtfertigen, um dem Leben mit seiner Unvorhersehbarkeit zu trotzen. Da gibt es Menschen, die vor lauter Angst, mit dem unberechenbaren Leben und seinen Konsequenzen konfrontiert zu werden, in Spießigkeit und Engstirnigkeit versinken und dabei irgendwo einen Teil ihrer menschlichen Empathie verlieren. Wenn sich die Menschen in Shaker Heights himmelschreiende Notlagen nicht erklären können und eigentlich einsehen müssten, dass das Leben manchmal einfach ungerecht, willkürlich und unfassbar grausam sein kann, schieben sie lieber die Schuld auf einzelne Menschen und blicken auf diejenigen herab, die scheinbar einfach nur zu schwach sind, um sich an die Regeln einer „guten“ Gesellschaft zu halten.

Genau an diesem Punkt prallen die angepasste Elena Richardson und die unkonventionell denkende Mia Warren aufeinander. Und an diesem Punkt entwickelt sich eine Geschichte voller Tiefgang, die auf unglaublich spannende Art und Weise einige ganz große Fragen aufwirft. Zum Beispiel, was Mutterschaft bedeutet und was eine Mutter zu einer solchen macht. Oder es geht um den Umgang mit Schuld und Fehlern und darum, zu sich selbst zu stehen. Es geht darum, wenn es notwendig ist, mal gegen den Strom zu schwimmen und sich von den Fesseln der Konvention zu befreien. Und es geht darum, wie die im Menschen verankerte Angst vor Kontrollverlust dazu führen kann, dass man aus den Augen verliert, dass jeder Mensch eben auch nur ein Mensch ist. Und wie zerbrechlich diese so entstandene Arroganz sein kann. Denn vor dem Leben ist niemand sicher.

Ich glaube, ihr könnt meine Begeisterung für dieses wundervolle, tiefgründige und großartig erzählte Buch spüren. Da es auch sprachlich sehr angenehm zu lesen ist, kann ich euch hier eine absolute Leseempfehlung aussprechen, wenn ihr eine tiefgründige, streckenweise auch ruhig erzählte Geschichte lesen wollt, die durchaus anspruchsvoll ist und ein paar große Lebensfragen aufwirft.

Das Buch ist im dtv-Verlag erschienen und hat 382 Seiten.

Das war es auch schon wieder mit meinem Lesemonat für den Juli. Ich hoffe sehr, ihr hattet ein bisschen Spaß beim Lesen. Kanntet ihr einige der Bücher vielleicht schon? Wenn ja, wie haben sie euch gefallen? Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren von euren Gedanken dazu berichtet, oder wenn ihr Lust habt, auch in meinen Podcast „Seitengeraschel“ reinzuhören, den es überall gibt, wo ihr Podcasts hört. Dann erstmal bis bald und alles Liebe, eure Christina 🙂

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2 Kommentare zu „Lesemonat Juli 2020

  1. Passend zum Sommer ein sehr „spanischer“ Lesemonat 😉

    Du hast wieder wunderbar von deinen Büchern erzählt! Danke für deine große Mühe, die du dir immer gibst, um uns die Geschichten näher zu bringen!

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